Home | Seitenübersicht | Kontakt
Hohbuch-Café sucht stellvertretende Leitung >
< Schande und Wohltat zugleich

Zeichen für Gerechtigkeit und Toleranz

Reutlinger Vesperkirche am Sonntag feierlich eröffnet


Jörg Mutschler begann den Gottesdienst zum Auftakt der diesjährigen Reutlinger Vesperkirche nicht mit gewichtigen und salbungsvollen Worten. Er sang ein Lied, kein kirchliches, sondern: „So ein Tag, so wunderschön wie heute.“ Die Gäste lachten und applaudierten ebenso wie die ehrenamtlichen Helfer, die in den kommenden vier Wochen wieder bis zu 400 Menschen täglich bedienen und mit einem guten Mittagessen versorgen werden. Offensichtlich hatten alle zusammen es kaum erwarten können, bis die 22. Vesperkirche endlich wieder ihre Türen öffnete.

„Wir bieten hier aber keine Armenspeisung“, betonte Mutschler weiter kurz vor dem offiziellen Startschuss zur Eröffnung des besonderen Gasthauses in der Nikolaikirche. Wahr und nicht abzustreiten sei nach den Worten des Vesperkirchenpfarrers, was Landesbischof Frank Otfried July schon betont hatte: „Mit Vesperkirchen kann man die Armut nicht bekämpfen“, zitierte Mutschler. Aber: „Vesperkirchen sind ein Zeichen für mehr Gerechtigkeit und Toleranz.“

Gleichzeitig müsse laut Jörg Mutschler aber auch gegen „verschämte Armut neben unverschämtem Reichtum“ vorgegangen werden. „Wir bieten hier in der Reutlinger Vesperkirche vier Wochen parteiliche Liebe an, in einem Ort der Gastfreundschaft, auf einer Insel auf Zeit – die aber zu Festland werden muss.“ Neben Mutschler trat am gestrigen Sonntag ein weiterer Pfarrer ans Mikrofon in der Nikolaikirche: „Was unsere Stadt mit dem Wechsel im Amt der Oberbürgermeisterin noch vor sich hat, hat der Diakonieverband schon vollzogen“, leitete Mutschler über zu Dr. Joachim Rückle, dem Nachfolger von Günter Klinger im Amt des Geschäftsführers des Diakonieverbands.

„Was Kirche und Diakonie ausmacht, wird in der Vesperkirche deutlich“, sagte Rückle in seiner Predigt. „Krankheit, Behinderung und Armut sind Lebensumstände, die sich gegenseitig bedingen und verstärken – in den kommenden Wochen werden viele, die davon betroffen sind, hier zu Gast sein.“ Das große Team der Ehrenamtlichen, die dort vier Wochen lang erneut als Gastgeber für die Bewirtung, als Gesprächspartner und offenes Ohr tätig sein werden, „wird die Besucher hier als Menschen wahrnehmen“. Nicht als Bittsteller, Bedürftige oder Unwissende, sondern als Menschen, „die wissen, was sie wollen“, so Rückle. „Und wir wollen ihnen hier achtsam und respektvoll eine Bühne geben.“

Anschließend trat Reutlingens Oberbürgermeisterin Barbara Bosch ans Mikrofon, die laut Mutschler „seit jeher eine Sympathisantin der Vesperkirche war“. Bosch freue sich als Solidaresserin in den kommenden Wochen wieder darauf, „die ein oder andere Geschichte von den Menschen hier zu erfahren, womöglich hat wieder jemand die Fotos seiner Kinder oder Enkel dabei – genau das ist Familie“. Sie sprach vom „Gradmesser, wie eine Gesellschaft mit ihren Schwächsten umgeht“. Genau diejenigen dürften nicht vergessen werden, „denen es nicht so gut geht“, so Barbara Bosch.

Reutlingens OB empfinde „große Dankbarkeit, dass die vielen Ehrenamtlichen hier mithelfen, damit die Stadt ein menschliches Gesicht hat“. Jörg Mutschler versprach, Boschs „Nachfolgerin oder Ihrem Nachfolger Ihre Worte ins Stammbuch zu schreiben“. Dann aber war es höchste Zeit: „Hiermit verkünde ich – die 22. Reutlinger Vesperkirche ist eröffnet“, so Mutschler. Großer Beifall folgte.