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Gefahr einer globalen Apartheid

3. Politisches Nachtgebet in der Reutlinger Marienkirche


„Ich habe Angst“, sagten und riefen die Beteiligten des Politischen Nachtgebets am Dienstagabend in der Reutlinger Marienkirche. Sie wiederholten den Satz, riefen, brüllten ihn, kreuz und quer, durcheinander. „Ich habe Angst um meinen Arbeitsplatz“, ruft einer. „Ich habe Angst vor Terror“, eine andere. „Ich habe Angst davor, dass so viele kommen.“ Dass ihm oder ihr jemand was wegnimmt. Angst vor Rechtsradikalen. Eberhard Becker setzt geradezu brachial mit der Orgel ein, verstärkte die Angst musikalisch, bedrohlich, chaotisch – endete aber ruhiger, hoffnungsvoller? Die Inszenierung war beeindruckend, berührend, angsterfüllend. Aber auch ermutigend.

„Aktuell sind 64 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht“, sagte Günter Jung als Mitglied des Vorbereitungskreises des Politischen Nachtgebets. „Diese Bewegung der Flüchtenden wird niemand stoppen, das gelänge nur, wenn jedes Menschenrecht und jeglicher internationale Standard über Bord geworfen würde.“ Das wäre „offener Faschismus“, wie manche es laut Jung nennen. Der Träger des Bundesverdienstkreuzes würde solch eine Entwicklung eher als „globale Apartheid“ bezeichnen. Dabei drohe eine geteilte Welt, in der „der eine Teil der Menschheit in Sattheit und Sicherheit alle Lebenschancen genießt, während der andere Teil zugrunde zu gehen hat“, so Jung.

Solch ein Szenario mache Angst – und öffne gleichzeitig dem Wunsch nach einfachen, schnellen Lösungen Tür und Tor. „Und die Herrschenden antworten mit autoritären Strukturen.“ Weltweit seien solche Entwicklungen zu beobachten, auch in Deutschland: „Wir erleben gesellschaftlich und quer durch alle Parteien einen Ruck nach rechts“, sagte Günter Jung. „In der Flüchtlingspolitik überbietet man sich mit Vorschlägen zur Abwehr von Geflüchteten, bis hin zur Infragestellung des Grundrechts auf Asyl.“ Mancherorts komme es laut Jung gar zu „rechtsextremen Auswüchsen, zur Jagd auf Ausländer wie jüngst in Chemnitz“.

Hinzu komme eine „Verrohung der Sprache in der Politik und auch in den Medien“, betonte der Begründer der Asylarbeit in Reutlingen. Gleiches betonte auch Michael Dullstein: Schon einmal sei in der deutschen Geschichte „Sprache entleert worden“. Allein „Heil“, was ja ursprünglich mal ein segensreiches Wort war, wurde von den Nationalsozialisten einer völlig anderen Bedeutung zugeführt. Und heute? Wenn behauptet werde „Wir sind das Volk“, richte sich das gar nicht wie ursprünglich gegen die Mächtigen, sondern gegen Fremde.

Dullstein unterschied in seiner Predigt vor „echter und unechter Angst“. Angst vor der Ansteckung am Krankenbett, Angst davor, dass das Geld am Monatsende nicht für Lebensmittel reicht. Angst vor dem Asylverfahren, wenn man die Sprache des Landes nicht spricht. All dies seien echte Ängste, „wenn wir sie ernst nehmen, können wir auf Andere zugehen und uns Hilfe suchen“. Mit solchen echten Ängsten könnten Menschen umgehen, nicht aber mit den „unechten“.

Denn die seien irreal, wie etwa die Angst, sich mit dem Aids-Virus anzustecken. „Keiner tauscht ständig Blutkonserven mit fremden Menschen“, so Pfarrer Dullstein. Deshalb sei die Forderung von rechter Seite, „alle Asylbewerber auf HIV testen zu lassen, reine Panikmache“. Und zudem absurd. „Gegen solche Ängste kann man gar nichts machen, weil sie nicht auf echten Problemen beruhen“, betonte der Pfarrer. Musikalisch umrahmt wurde das Politische Nachtgebet erneut von dem Schütz-Quartett mit einem „Protestchoral“. Eberhard Becker begleitete auf der Orgel und Asylpfarrerin Ines Fischer sang einmal mehr zusammen mit Jung Wolf Biermanns die Hymne der Reutlinger Asylarbeit „Du, lass dich nicht verhärten“. Und Jung forderte zudem dazu auf, „dem Populismus jedweder Couleur etwas entgegenzusetzen, energisch für Demokratie und Menschenrechte, für Mitmenschlichkeit und Mitgefühl“ einzustehen.