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Für Menschlichkeit und Toleranz

Liga der Freien Wohlfahrtsverbände will mit Online-Kampagne Zeichen setzen gegen Ausgrenzung und Gefährdung der Demokratie


Meinungsfreiheit. Gleichberechtigung. Religionsfreiheit. Gemeinschaft. Verantwortung. Menschenrechte. Freiheit. Alles selbstverständlich? Die Liga der Freien Wohlfahrtsverbände in Reutlingen sieht diese Grundwerte der Demokratie bedroht und beobachtet andere Tendenzen. „Wenn die Welt in Berechtigte und Unberechtigte eingeteilt wird, dann führt das nicht selten zu Terror, Gewalt und Kriegen“, sagte Dr. Wolfgang Grulke vor wenigen Tagen, als die Liga eine Kampagne und eine Homepage startete, die Mut machen soll.

Genau so heißt auch die Internet-Seite: mut-rt.de und sie steht ausgeschrieben „für Menschlichkeit und Toleranz in Reutlingen“. Grulke erläuterte als Ridaf-Geschäftsführer und derzeitiger Liga-Vorsitzender weiter: „Wir als Liga wollen denen, die keine Stimme haben, wieder eine Stimme geben.“ Wenn heute wieder von der „Entsorgung von Menschen“ geredet wird, als wären sie Müll, dann sei das unerträglich und menschenverachtend. Die sogenannten „Shitstorms“ in den „Sozialen Medien“ würden „Menschen entrechtlichen“, so Wolfgang Grulke. Und die AfD habe einigen Menschen ein Sprachrohr verliehen, „die sich in den letzten Jahren offensichtlich anstrengen mussten, zivilisiert zu erscheinen“.

Dem stimmte Günter Klinger als Geschäftsführer des Diakonieverbands vorbehaltlos zu: „Wir hätten die Kampagne schon vor zehn Jahren starten können.“ Denn die wirklichen Probleme in der Gesellschaft wie Altersarmut, Wohnungsnot, Pflegenotstand, Inklusion und viele weitere würden nicht angegangen, sondern mit der „Asyldebatte“ lediglich überdeckt. „Die Sprache, die heute gebraucht wird, hätten wir uns vor drei Jahren noch nicht vorstellen können“, so Klinger. Aus- und Abgrenzung sei wieder hoffähig und erlaubt, Pressefreiheit in einigen europäischen Ländern bedroht oder gar abgeschafft.

Zu der Kampagnen-Homepage (mut-rt.de) hat die Liga der Freien Wohlfahrtsverbände im Landkreis Reutlingen einen Flyer entworfen, der zusätzlich für „Menschlichkeit und Toleranz“ werben soll. „Wir sehen uns in unserem Land einem wachsenden Nationalismus, einem kurzsichtigen Egoismus bis hin zu einem menschenverachtenden Fanatismus gegenüber“, heißt es auf diesem Flyer. Es gelte, Flagge zu zeigen, „wir wollen uns nicht abgrenzen wie schon so viele andere“, betonte Peter Donecker, der beim Diakonieverband für die Ehrenamtskoordination im Flüchtlingsbereich zuständig ist. „Wir hoffen, dass sich viele Menschen an der Kampagne beteiligen, genauso wie Vereine, Einrichtungen, Institutionen, auch Firmen können sich registrieren, ein Foto hochladen und einen kurzen Text dazu verfassen.“ Darin sollte stehen, warum die Verfasser glauben, dass „es wichtig ist für Menschlichkeit und Toleranz einzustehen“, betonte Donecker beim Pressegespräch, kurz bevor die Homepage online ging.

„Ich bemerke bei den Flüchtlingen in Reutlingen und der gesamten Prälatur, dass sie mehr und mehr als Projektionsfläche herhalten müssen“, sagte Ines Fischer. Die Asylpfarrerin befindet es als schockierend, dass „mit demokratischen Mitteln an der freiheitlich demokratischen Grundordnung gesägt wird“. Aber: Sie erfahre auch, dass es viele Menschen gebe, „die würden dieser Entwicklung gerne was entgegensetzen – sie wissen nur nicht, wie“. Dafür gebe es nun diese Kampagne. „Wenn Sprache sich verändert, dann verändert sich die Wirklichkeit“, betonte Fischer. Dabei sei es unerträglich, dass selbst in Debatten im Bundestag „die Würde des Menschen immer wieder angetastet wird, mit einem Jargon, der aus einer Zeit stammt, die schon länger her ist“.

Im Herbst soll eine Veranstaltungsserie starten, die sich genau dieses Themas annimmt, „die sich aber auch mit Mut machender und gelingender Integration befasst“, sagte die Asylpfarrerin. Sowohl Birgit Hammer von der Reutlinger AWO wie auch Matthias Schlautmann vom Roten Kreuz betonten, dass sie mit ihren Institutionen voll und ganz hinter der Kampagne stehen. Beide registrieren „vermehrt Fremdenfeindlichkeit“, so Hammer. „Wir hoffen auf rege Teilnahme“, sagte Schlautmann.

Günter Klinger rechnet seinen eigenen Worten nach „mit einer riesigen Welle, einem regelrechten Tsunami der Teilnahme“. Warum? Weil die Akteure schon im Vorfeld der Kampagne auf eine riesige Resonanz gestoßen seien. „Wir haben damit offene Türen eingerannt“, so Klinger. „Und die Kampagne kann und darf auch gerne über den Landkreis hinausgehen.“