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Flüchtlingsarbeit verändert sich

Ehrenamtsbegleiter Peter Donecker berichtet im Gespräch über die ehrenamtliche Arbeit im Flüchtlingsbereich


„Dem Diakonischen Werk Württemberg und der Evangelischen Landeskirche war schon vor dem Herbst 2015 relativ früh klar, dass da was kommt“, sagt Peter Donecker. Und das bedeutet: „Schon Ende 2014 waren die Flüchtlingscamps vor allem in Jordanien und im Libanon voll, die Fördermittel der Vereinten Nationen wurden massiv gekürzt und damit auch die Nahrungsrationen in den Lagern.“ Die Weltgemeinschaft hatte also nach den Worten von Donecker sozusagen „sehenden Auges in Kauf genommen, dass sich Flüchtlingstracks auf den Weg gemacht haben“.

Weil die Landeskirche und das Diakonische Werk schon zu Beginn des Jahres 2015, Gelder für die Schaffung von Stellen zur Unterstützung der Flüchtlingsarbeit zur Verfügung gestellt hatte, „ist der Reutlinger Diakonieverband schnell aufgesprungen – weil die Asylarbeit in der Stadt eine lange Tradition besitzt“, sagt Peter Donecker, der in Diensten des Reutlinger Diakonieverbands als „Begleiter für die ehrenamtliche Flüchtlingsarbeit“ aktiv ist. Den Begriff „Ehrenamtskoordinator“ mag er nicht. „Das Ehrenamt lässt sich nicht koordinieren, höchsten begleiten oder unterstützen.“

„Wir schaffen das“

Als dann Kanzlerin Angela Merkel im Sommer 2015 den berühmten Satz „Wir schaffen das“ gesagt hatte, kamen die ersten Flüchtlinge auch schon in Reutlingen an. Der Landkreis hatte damals schnell auf eine „dezentrale“ Unterbringung gesetzt und im ganzen Landkreis kleinere Unterkünfte geschaffen. „Ich bin bei Informationsveranstaltungen mit den Zuständigen vom Landkreis mitgetourt“, erinnert sich Peter Donecker. In Hülben und in Römerstein etwa hat er geholfen, Arbeitskreise aufzubauen. Das Engagement in jeder einzelnen Gemeinde im Landkreis in den Jahren 2015 und 2016 war enorm groß, die Hilfsbereitschaft schier unglaublich.

Für Donecker ging es in dieser schwierigen Anfangsphase vor allem darum, die Ehrenamtlichen zu unterstützen und ihnen jede Menge Informationen zur Verfügung zu stellen. Und zu erklären, warum die Menschen sich plötzlich in so großen Scharen auf den Weg gemacht haben und in Deutschland einen sicheren Ort suchten. „Viele wollten aber gar nicht nach Deutschland, sondern mit ihren Sprachkenntnisse nach Großbritannien oder Schweden.“

Großen Raum bei der Betreuung der Ehrenamtlichen und der Flüchtlinge hatten bald rechtliche Fragen eingenommen – „es gab und gibt ja ständig Änderungen im Asylrecht“, sagt Peter Donecker. Hinzu kamen psychosoziale Fragen, welche Belastungen und Probleme Flüchtlinge mitbringen. „Ab Mitte 2016 rückte immer mehr der Familiennachzug in den Mittelpunkt und das hält bis jetzt an.“ Was sich jedoch so leicht anhört, ist alles andere als das: Angehörige, die hierher kommen wollen, müssen bei deutschen Botschaften Antragsformulare ausfüllen. Die nächstgelegene Botschaft für Syrer im Kriegsgebiet oder auch aus Flüchtlingslagern in Jordanien aber ist Beirut. Dort müssen die Familien erstmal hinkommen.

Veränderungen in der Flüchtlingsarbeit

„Seit Mitte 2018 bilden sich die ersten Unterstützerkreise zurück“, sagt Peter Donecker. Der Grund dafür: „Die Strukturen der Begegnung werden zumeist nicht mehr gebraucht, die Asylcafés mit den Beratungsangeboten aber schon.“ Und die Berater stehen vor „vielschichtigen Herausforderungen“, wie dem Familiennachzug, der Jobsuche oder auch vor der Unterstützung in der Berufsschule. Und: „Es gab Gesetzesverschärfungen, etwa bei der Mitwirkungspflicht – sonst können Geflüchtete ihre Anerkennung verlieren.“ Vor allem drehe es sich dabei um die „Identitätsklärung“, was bedeutet: 2015 seien viele Flüchtlinge ohne Ausweispapiere gekommen, „damals fand oft keine Identitätsklärung statt und jetzt kann es zu Arbeitsverboten kommen, wenn die Leute keine Papiere haben“, sagt der Ehrenamtsbegleiter. Das solle nun im Rahmen der „Widerrufsverfahren“ nachgeholt werden. Wer aber aus Somalia komme, habe keine Chance, mithilfe der dortigen Verwaltung die eigene Identität zu klären. Zum Teil treffe das auch auf Eritrea und Gambia zu. „Die Folge ist, dass durch die Gesetzesverschärfung die Regierung weitere Duldungsfälle schafft.“ Diese „Fälle“, also die zumeist jungen Männer, dürfen dann nicht arbeiten, können aber auch nicht abgeschoben werden. Irgendwo wohnen müssen sie trotzdem – was angesichts der Wohnungsnot in der Stadt alles andere als ein kleines Problem ist. In den großen Unterkünften fällt Integration aber noch viel schwerer als sonst.

Kirchen profitieren

Seit dem Herbst 2015 haben sich nach den Worten von Peter Donecker viele Ehrenamtliche engagiert, die das vorher nicht getan hatten. „Sie kamen dabei auch zum ersten Mal in Kontakt mit der extrem schwierigen deutschen Bürokratie.“ Das wiederum habe den Blickwinkel der Helfer dafür geweitet, in welch diffizilen Situationen sich Flüchtlinge hier im Land befinden. Von dem Engagement der Ehrenamtlichen hätten nicht nur die Geflüchteten und die Kommunen sondern auch die Kirchen profitiert, sagt Donecker.

Ermüdungserscheinungen

Und – ja, es gebe „gewisse Ermüdungserscheinungen unter den Helfern, die sich nun schon seit drei Jahren oder noch länger einbringen“. Manche würden abspringen, „aber dafür kommen andere dazu, die sich bei der Jobsuche oder in der Kinderbetreuung engagieren“. Und wie geht es weiter mit der Unterstützung des Ehrenamts? „Meine Stelle ist bis 2020 begrenzt, bis dahin stehe ich weiterhin den freiwilligen Helfern als Ansprechpartner und Dienstleister zur Verfügung“, betont Donecker. Es gebe allerdings Überlegungen der Landeskirche, „wie die Integrationsarbeit weiter funktionieren könnte“. Davon hänge auch Doneckers berufliche Zukunft im Bereich der Flüchtlingshilfe ab. Für den Ehrenamtsbegleiter besteht die Arbeit vor allem aus Informationen darüber, was sich verändert, „viele Leute rufen mit ganz spezifischen Problemen an“. Deshalb müsse er stets „auf dem Laufenden sein, Veränderungen registrieren, dementsprechend beraten und auch politisch tätig werden“. Zugute komme ihm dabei, dass er in der Region bestens vernetzt ist.

Die Zusammenarbeit mit der Stadt funktioniere im Übrigen richtig gut. „Die Stadtverwaltung geht nach dem Motto vor, dass sie die Menschen erst mal kennen lernen will und sehen, was sie brauchen“, sagt Peter Donecker. Besonders gut klappe das im Begegnungs- und Integrationszentrum im Ringelbach. Dort wohnen vor allem Familien im Gebäude, es gebe Kinderbetreuung, eine Nähwerkstatt und die Möglichkeit zur Begegnung.