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Da brennt der Kittel

Träger der Migrationsberatung im Landkreis Reutlingen weisen auf Überlastung und zu wenig Deputate hin


Der bundesweite Aktionstag zur Migrationsberatung war am 20. September, die Träger der Beratungsstellen für Migranten im Landkreis Reutlingen zeichnen nun ein düsteres Bild: „Wir brauchen dringend Unterstützung, um die Herausforderungen weiter stemmen zu können“, betonte Günter Klinger als Geschäftsführer des Diakonieverbands und somit als einer der Träger der Migrationsberatung im Kreis für Erwachsene ab 27 Jahre.

Caritas und Deutsches Rotes Kreuz (DRK) stehen zudem hinter dieser Arbeit, das vom Bundesinnenministerium finanziert wird – insgesamt verteilen sich bundesweit 814 Vollzeitstellen auf mehr als 300 000 Beratungen pro Jahr, wie Volker Bunz vom DRK am Freitagvormittag betonte. „Das sind 370 Fälle pro Berater“, so Bunz. Die Reduktion auf 150 Fälle werde angestrebt, „die Mittel für die Migrationsberatung sind aber nicht gestiegen“. Dabei seien die meisten der neu in die Stadt Reutlingen gekommenen Menschen aus dem Ausland gar keine Flüchtlinge, sondern Zuwanderer aus anderen Ländern der EU. Insgesamt leben laut Bunz rund 22 000 Bürger in Reutlingen, die einen anderen als den deutschen Pass haben. Darunter waren 2017 etwa 12 000 EU-Staatsangehörige und rund 10 000 Menschen aus anderen Staaten.

Wie schwierig und aufwändig die Beratung sein kann, erläuterte Asiel Buribayeva von der Caritas: Was ihr als Beraterin am meisten begegne seien Fragen zum Ausländer- und zum Aufenthaltsrecht, zu Sozialleistungen und auch zur Familienzusammenführung. Insgesamt zehn Familien betreue sie momentan, darunter einige aus Syrien, aber auch aus Eritrea und eine aus Russland. „Jeder Fall unterscheidet sich durch die unterschiedlichen Einreisebedingungen“, sagte Buribayeva. Pro Familie benötige sie etwa zehn Beratungen zu jeweils um die zwei Stunden. Ein Beispiel: Ein 26jähriger Afghane, dessen Asylantrag positiv beschieden wurde, möchte seine Frau nachkommen lassen. Weil aber die deutsche Botschaft in Afghanistan aufgrund der unsicheren Lage geschlossen wurde, müsse die junge Frau nach Islamabad in Pakistan oder nach Neu-Delhi in Indien, um bei der dortigen deutschen Botschaft den Antrag auf Familienzusammenführung zu stellen. Viele Seiten umfassen die Formulare, sie auszufüllen sei für jemanden ohne Deutschkenntnisse nahezu ein Ding der Unmöglichkeit.  Nicht nur für die Migranten, auch für die Beraterinnen und Berater sei das eine extrem große Herausforderung – „weil auch wir immer Angst haben, was falsch zu machen oder was zu übersehen“, so Buribayeva. Schließlich hänge das Schicksal der Familien von der Bewilligung oder Ablehnung der Anträge ab.

Anna Schmierer vom Diakonieverband wies auf die Notwendigkeit der guten Vernetzung der Berater in Stadt und Landkreis hin: Der Kontakt zu den Ämtern und Behörden sollte möglichst ebenso gut sein wie zu anderen Beratungsstellen, zu  Schulen, Kinderbetreuungseinrichtungen, IHK, Jobcenter und zu vielen anderen mehr. „Wir verstehen uns bei dieser Tätigkeit der Migrationsberatung als Lotsen“, so Schmierer. Sie führt als Beispiel eine Familie aus Bulgarien an, durch ihre Vermittlung sei es gelungen, dem gelernten Baggerführer eine Arbeitsstelle zu beschaffen, für die Kinder wurden Betreuungsplätze gesucht, für Mann und Frau Sprachkurse. „Das bedeutet vielfältige Herausforderungen für die Beratungsstellen – auch weil oft Sprachhürden zu überwinden sind“, sagte Anna Schmierer.

Cäcilia Lutz ist bei der BruderhausDiakonie für die Jugendmigrationsdienste zuständig – also für zwölf- bis 27jährige Migranten. Die Bundesregierung sehe „die besondere Verantwortung der Gesellschaft für die jungen Menschen“, betonte Lutz. Mit 5,25 Stellen sei die BruderhausDiakonie im Landkreis für jugendliche Migranten zuständig. Dazu zählen ebenfalls nicht allein Flüchtlinge, sondern auch all die anderen jungen Menschen mit Migrationshintergrund – und mit Förderbedarf. „Jugendliche brauchen ganz besonders Orientierung, wir sollen für Bildung und Ausbildung sorgen, die jungen Menschen während der Schule, am Übergang in den Beruf und auch während der Ausbildung bestmöglich begleiten“, so Lutz.

Mit diesen etwas mehr als fünf Stellen stehe der Jugendmigrationsdienst zwar besser da als der Erwachsenenberatung, „euch brennt der Kittel noch mehr, aber wir könnten natürlich auch mehr Deputate gebrauchen“, betonte Cäcilia Lutz. Hinzu komme laut Günter Klinger, „dass jede einzelne Stelle nicht voll ausfinanziert ist, wir müssen als Träger auf jedes einzelne Deputat pro Jahr bis zu 20 000 Euro drauflegen“.

Geplant sei nun, den vier Bundestagsabgeordneten aus dem Kreis Reutlingen die Situation darzulegen und auf Unterstützung zu hoffen. „Eines wurde ja noch gar nicht angesprochen“, betonte Brigitte Chyle von der Caritas: „Die Migrationsberatung soll als Ziel ja auch die Verminderung der Transferleistungen erreichen.“ Letzteres werde eindrücklich geschafft – von mehr als 64 Prozent sinke der Anteil der Migranten, die auf Leistungen wie Hartz IV angewiesen sind, nach der Beratung auf rund 44 Prozent. „Das ist ein schöner Erfolg“, sagte Klinger.

(Artikel in den Reutlinger Nachrichten vom 5. Oktober 2018)