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22 Cent im Monat für Bildung

Armut Aktionswoche der Reutlinger Liga der freien Wohlfahrtspflege mit Informationsstand in der Wilhelmstraße


Mit sage und schreibe 22 Cent im Monat sollen 15- bis 17-Jährige im Monat auskommen – wenn sie von Hartz-IV abhängig sind. Genau 0,22 Euro sind nämlich im sogenannten monatlichen Regelsatz enthalten. Wofür? Damit Kindern und Jugendlichen eine möglichst gute Bildung erhalten? Wofür soll der Betrag reichen? Für ein Geo-Dreieck? Für Schulhefte, Mäppchen, Schreibstifte, Schultasche, Bücher, womöglich sogar für Nachhilfe (weil die Lernsituation von Kindern in Hartz-IV-Situation zumeist sehr beengt ist und ungestörtes, intensives Lernen oft ein Ding der Unmöglichkeit ist) – und das alles für 22 Cent im Monat?

„Das ist ein Skandal“, sind sich die Vertreter der Liga der Freien Wohlfahrtspflege am Montagmittag in der Reutlinger Fußgängerzone neben der Marienkirche einig. Sie hatten sich in der Wilhelmstraße getroffen, um mit einem Stand im Rahmen der landesweiten Armutswoche vom 15. bis 21. Oktober vor allem auf Kinderarmut hinzuweisen. „Ein Fünftel aller Kinder in Baden-Württemberg leben in Familien, die von Hartz-IV abhängig sind“, betonte Bettina Noack vom Mütter- und Nachbarschaftszentrum. „Wir haben Kinderarmut aus den Themenbereichen Bildung, Arbeit und Wohnen herausgegriffen, weil Kinder die Auswirkungen von allen drei Bereichen zu spüren bekommen“, sagte Stephanie Gohl vom Reutlinger Diakonieverband. Wenn nämlich die Mutter, der Vater oder beide arbeitslos sind, kriegen die Kinder das ganz besonders zu spüren, betont Gohl.

Oftmals sind die Wohnverhältnisse von Menschen mit wenig Geld extrem beengt. „Ich kenne einige Frauen, die mit zwei Kindern in 1,5 Zimmern leben müssen“, sagt Noack. Rückzugsraum für die Kinder oder auch für die Mutter gebe es nicht, „die Frauen müssen abends um 18 Uhr mit dem Säugling ins Bett gehen“, betont Bettina Noack. Und die verzweifelte Suche nach einer anderen, größeren Wohnung ende in Reutlingen fast immer erfolglos. „Ich kenne Frauen, die suchen seit 2,5 Jahren.“

Ein weitere Aspekt komme hinzu: Weil die Mieten von zahlreichen Wohnungen immer weiter ansteigen, das Wohngeld dafür nicht mehr ausreiche, „haben viele Menschen Mietschulden und daraus resultiert dann oftmals die Kündigung“, sagt Birgit Hammer von der Reutlinger AWO. „Glücklicherweise gibt es in Reutlingen noch keine Familien, die wie in Berlin auf der Straße leben müssen“, ergänzt Rita Wilde, ebenfalls von der AWO.

Kaum vorstellbar, dass Menschen, die von Hartz-IV leben müssen, auch noch einen Teil der monatlich 416 Euro für die Miete verwenden müssen. Wenn sie doch mit gerade mal 4 Euro 77 am Tag für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke auskommen müssen. Und wie sieht es mit Menschen aus, die gerade mal so viel verdienen, dass sie knapp über der Bemessungsgrenze liegen, fragt Noack? Die vielleicht gar kein Wohngeld kriegen, mit dem bisschen, was sie verdienen, aber trotzdem irgendwie überleben müssen.

Mit dabei bei den Informationsbemühungen in der Wilhelmstraße waren auch Efthalia Kanakari und Doris Kleinmann von der Caritas sowie Manfred König und Brigitte Stotz von Pro Labore. Ihnen allen ist es ein Anliegen, auf die Situation von Menschen in Armut hinzuweisen – und dabei ganz besonders die Kinder nicht aus dem Blick zu verlieren. Erschreckend sei für Bettina Noack gewesen, was ihr die Grünen-Bundestagsabgeordnete Beate Müller- Gemmeke erzählt habe: Da sei in dem Ausschuss, in dem die einzelnen Beträge für den Hartz-IV-Satz festgesetzt wurden, „darüber gestritten worden, ob kleine Kinder Buntstifte brauchen oder nicht“, so Noack. Erschreckend sei auch, so Stotz, dass Familien oftmals drei Jahre für eine neue Waschmaschine sparen müssten.

 

Weitere Informationen zur landesweiten Aktionswoche Armut gibt es auf der Homepage www.armut-bedroht-alle.de