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Gründung und Geschichte

Die Gründung des Diakonieverbandes Reutlingen erfolgte im November 2001, der Verband nahm seine Arbeit am 01.01.2002 auf.

Gründungsmitglieder sind die Evang. Kirchenbezirke Bad Urach, Münsingen, Reutlingen und Tübingen.

„In einer Stunde der Not, wie sie unser Volk im Laufe seiner Geschichte bisher noch nicht erlebt hat, rufe ich im Namen des kirchlichen Einigungswerks die ganze evangelische Christenheit in Deutschland auf, dieser Not im Glauben zu begegnen.“ Dieser eindrückliche Aufruf des württembergischen Landesbischofs Dr. Theophil Wurm war 1945 gleichzeitig die Geburtsstunde des Evangelischen Hilfswerkes, dem späteren Diakonischen Werk – und damit auch dessen Ableger in den Kirchenbezirken Reutlingen, Münsingen und Bad Urach.

Gründerjahre in Reutlingen

Auch in Reutlingen gehen die Anfänge des Evangelischen Hilfswerks auf das Jahr 1945 zurück. Noch im Herbst des Jahres wurde eine Lebensmittelsammlung organisiert. Durch Gottesdienstopfer, Sammlungen und Spenden gingen die ersten Geldmittel ein. Nur ein kleines Beispiel: zwischen März und April 1946 spendeten die Reutlinger die imposante Summe von 15.837 Reichsmark.

1946 kam es zum raschen Ausbau der Arbeit – eng verbunden mit dem Namen von Pfarrer Lechler. Mitte des Jahres waren bereits fünf Mitarbeiter tätig. Im alten Dekanatssaal in der Aulberstraße wurde ein Kleiderlager eingerichtet. Die weitreichende Hilfe beschränkte sich jedoch nicht auf Lebensmittel und Kleider, sondern ging so weit, dass zum Beispiel zwei Nähmaschinen reihum in die Häuser verliehen wurden.

Da besonders Kinder unter der schlechten Versorgung zu leiden hatten, wurde ab 1947 in den Sommerferien im CVJM-Gütle Spiegelwiese ein Kindertagheim für 65 Mädchen und Buben eingerichtet. Der Speiseplan listet für das Frühstück Haferflockensuppe und Grütze auf.

Die Arbeit gewinnt an Fahrt

Hilfen zum Sichern der wirtschaftlichen Existenz prägten in den ersten Jahren die Arbeit des Hilfswerks – immer verbunden mit persönlicher Hilfe und Beistand in Lebensfragen und bei familiären Problemen. Der 2. Weltkrieg hatte bei vielen Menschen tiefe seelische Wunden hinterlassen. Ein Schwerpunkt bildete die Betreuung der Menschen in den Flüchtlingslagern Reutlingen, Haidt und St.Johann. Sogar mit lebendem Inventar bekam es das Hilfswerk zu tun. Ende der Vierziger Jahre kamen einige tragende Jungkühe als Spende aus den USA in den Bezirk und wurden in Kooperation mit dem Landwirtschaftsamt an bedürftige Bauern abgegeben. Auch der Freundeskreis des Hilfswerks entstand in dieser Zeit.

Neue Aufgaben wachsen zu

Mit dem Jahr 1952 und der neuen Diakonischen Bezirksordnung entwickelten sich die Diakonischen Bezirksstellen. Neue Aufgaben wie Erholungsurlaube und Kuren erst für Spätaussiedler und Kinder, später für Mütter, kamen hinzu.

Drei Jahre später – 1955 – kam als weiterer Arbeitszweig die Suchtkrankenhilfe dazu, mitfinanziert vom Landkreis. Zwanzig Jahre lang war Schwester Thusnelde Weiß unermüdlich im Einsatz um alkoholkranken Menschen zu helfen, den Angehörigen beizustehen.

Getragen von ehrenamtlichen Mitarbeitern entstand 1971 der „Donnerstag-Club“. Im Auftrag von Diakonie und Mitinitiator Pfarrer Alfred Finkh besuchte Rosemarie Dürr zunächst Patienten im Psychiatrischen Landeskrankenhaus Zwiefalten. Neu entwickelte Medikamente ermöglichten kürzere Klinikaufenthalte, gleichzeitig wurde die Nachbetreuung immer wichtiger. Als Glied der Nachsorgekette entstand dabei der „Donnerstag-Club“.

Auch im Blick auf die Unterkünfte erlebte die Einrichtung eine kleine Odysee. Vom Haus Sonne ging es über den Marchtaler Hof in die Aulberstraße 1 und die Gartenstraße 43 in das heutige Quartier, die Planie 17.

Die Diakonie in Münsingen

In einem Protokoll des Kirchenbezirkstags vom Juli 1947 beschreibt der Münsinger Dekan Rupp die Aufgaben des Hilfswerks auf der Alb, das im Jahr zuvor gegründet wurde. Da es in Münsingen zunächst Flüchtlinge zu versorgen galt, lag der Schwerpunkt der Arbeit im sammeln von Naturalien wie Kartoffeln oder Gemüse. Die Nahrungsmittel wurden nach Tübingen geliefert, dort an Heime und Anstalten verteilt. Als jedoch in Münsingen der Flüchtlingsstrom weiter zunahm, außerdem noch 500 Menschen im französischen Teil des damaligen Landkreises Ehingen Hilfe benötigten, erhielt das Münsinger Hilfswerk einen Anteil an den amerikanischen Spenden. Die Mitarbeiter hatten die Aufgabe, Lagerräume für die Pakete zu beschaffen, Kleider und Nahrung gerecht abzugeben.

Im Laufe der Jahre kamen auch in Münsingen neue Aufgaben hinzu. So wurde 1971 eine Kontaktgruppe für psychisch Kranke und Vereinsamte gegründet, 1978 ein wöchentlicher Kindertreff für Sechs- bis Zehnjährige. 1995 kam die Kurberatung hinzu. Zur selben Zeit wurden, ebenfalls neu, Wochenendseminare für Trauernde eingerichtet. Bereits 1974 fand sich ein Freundeskreis der Suchtkrankenhilfe zusammen, der neben den Angeboten der Bezirksstelle Unterstützung bot.

Die Diakonie in Bad Urach

„Als der Krieg zu Ende war, nahmen Pfarrer die Koordination der Hilfe in die Hand“, erinnert sich ein Zeitzeuge an den Beginn der diakonischen Arbeit des Evangelischen Hilfswerks in den Hilfsstellen Bad Urach und Metzingen. Diese nahmen im September 1945 unter dem Dettinger Pfarrer Martin ihren Anfang. In Bad Urach hatte der ehemalige Ephorus Storz im jetzigen Stiftsgebäude einen Raum für die Hilfsstelle zur Verfügung gestellt, in Metzingen wurden Lagerräume in einem Konfektionsgeschäft angemietet. Etwas später zog das Hilfswerk in Metzingen schließlich ins Gemeindehaus der Martinskirche um.

In erster Linie mussten erst einmal die Menschen untergebracht werden, die alles verloren hatten. Die Aufgabe des Flüchtlingshelfers hatte zuerst ein Generalleutnant Hoffmann a.D. aus Aglishardt bei Böhringen übernommen. In Metzingen und Bad Urach wurden Kleidung – Vorläufer der heutigen Kleiderläden – Hausrat, Möbel und Lebensmittel, sowie an Weihnachten 1945 auch Spielsachen für Flüchtlingskinder gesammelt und anschließend im Kirchenbezirk verteilt. Einmal im Monat war das Gottesdienstopfer für das Hilfswerk bestimmt. Der erste Opferaufruf brachte stattliche 2.584 Reichsmark. 1946 kamen die so genannten Care-Pakete hinzu. Sie wurden zu Fuß oder mit dem Fahrrad verteilt.

Erster hauptamtlicher Geschäftsführer wurde 1954 Christian Ulrich, der untrennbar mit den Anfängen und dem Aufbau der beiden Hilfsstellen in Verbindung steht. In seinem eigenen Wohnhaus, berichten die Annalen - richtete Ulrich in Metzingen ein Büro ein. 1956 beantragte der Geschäftsführer erstmals Alkoholentziehungskuren, Mütter schickte er mit und ohne Kinder in Genesungsheime.

1957 stand der erste Geschäftswagen vor der Tür, ein Käfer, den sich die kirchlichen Mitarbeiter teilen mussten. Bis 1961 nutzte Ulrich den Käfer für Hausbesuche, danach konnte er die Hilfesuchenden in einem neuen Büroanbau bei sich zu Hause begrüßen. Von dort aus koordinierte der Hilfswerk-Geschäftsführer auch den Aufbau des Metzinger Ferientagheims, eine Arbeit, die nicht zu seinem eigentlichen Aufgabenfeld gehörte.