17.10.2011 10:59 Alter: 214 days
Von: Anne Sczesny

Frauenarmut kein Schicksal

Artikel in den Reutliunger Nachrichten vom 15. Okt. 2011


Reutlingen.  Armut ist immer noch Frauensache. Ursachen und Lösungen zeigte Sozialpädagogin Michaela Hofmann im Augustin-Bea-Haus bei ihrem Vortrag "Armut von Frauen - Frauen in Armut" auf.

Ein Tisch und zwei Stühle im Zimmer, der Boden übersät mit Gerümpel - der Lebensraum eines Wohnungslosen. Er gewährte der Referentin Michaela Hofmann einen Einblick in seine Welt. Eine Frau in einer Hochhaussiedlung in Köln hielt den trostlosen Ausblick aus ihrem Fenster fest. Dies sind zwei von insgesamt 12,8 Millionen Menschen, die in Deutschland unter der Armutsschwelle leben.

Verschiedene Faktoren können laut Hofmann in die Armut führen: Arbeitslosigkeit, fehlender Schul- und Berufsabschluss, geringe Bildung, mehrere Kinder, chronische Erkrankungen und alleinerziehend sein. Willkür, Ablehnung und Scham erleben Menschen, deren Einkommen nicht zum Leben reicht. Den Begriff "sozialschwach" findet die stellvertretende Sprecherin der Nationalen Armutskonferenz schlecht, denn Armut sage nichts über soziale Fähigkeiten aus.

Besonders Frauen sind von Armut betroffen. Sie lernen besser, haben die besseren Abschlüsse, doch Armut sei immer noch Frauensache, sagt Hofmann. Schicksal, selbstverschuldet oder gewollt? Diese Frage sei leicht zu beantworten: Die Rahmenbedingungen und politischen Umstände führen dazu. Es sind schlicht die Lebenslagen, die Frauen in die Armut treiben. Häufig stocken sie das Einkommen des Mannes nur mit Minijobs oder Teilzeitstellen auf. Betriebliche Leistungen wie Urlaubs- und Krankengeld fallen weg. Sie setzen im Beruf zugunsten der Kindererziehung aus. Zudem erhalten Frauen weniger Lohn als Männer. Damit ist die Frau bei Trennung oder Todesfall des Mannes in ihrem Auskommen benachteiligt.

87 Prozent der Frauen, die ihre Kinder ohne Partner erziehen, sind von Armut bedroht. Häufig müssen sie ihren Lohn mit Sozialleistungen vom Staat aufstocken. Noch reichen die Betreuungsangebote für unter Dreijährige nicht aus. "Unser Sozialstaat verhindert Armut nicht", sagt Hofmann. Neues Unterhaltsrecht, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, unterbrochene Erwerbsbiografien, Kürzungen der Rentenansprüche und der Witwenrente - Altersarmut ist programmiert.

"Frauenarmut ist kein Schicksal, das kann man ändern", sagt Hofmann. "Wenn man will, dass die Menschen im Alter genug Geld haben, muss man die Rentenformel ändern", ist einer ihrer Ansätze.

Zudem schlägt sie vor, dass für Arbeitslose zehn Euro in die Riesterrente eingezahlt werden. Das Bildungs- und Teilhabepaket gehöre abgeschafft, dafür sollte in Schule und Bildung investiert werden. So könnte an Schulen die Nachhilfe verankert werden für alle Kinder. Ebenso gehören die Regelsätze erhöht. Dass Menschen zur Tafel gehen müssten, verstößt aus ihrer Sicht gegen die Menschenwürde.

Weiter gehöre die Chancengleichheit überprüft. "Damit sich bei der Frauenarmut etwas ändert, müssen die Männer mitziehen. Wir brauchen ein Miteinander der Geschlechter um gegen die Armut anzukommen", fordert Hofmann.

Immerhin ist die Erhöhung der Erwerbsquote eine Chance für die Frauen. Dies lasse die Frau als Humankapital, als Wirtschaftsfaktor erkennen. Die Erhöhung der Quote ist nur mit den Frauen möglich, denn sie sind die "stille Reserve" der Erwerbstätigen. Frauen sollten auftreten, ihre Bedingungen formulieren und vor allem sich stärker zusammenschließen.


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