14.10.2011 16:49 Alter: 217 days

Frauenarmut: Am Schlimmsten ist die Einsamkeit

Artikel im GEA vom 16. Okt. 2010 von Ulrike Glage


Aktionswoche Frauenarmut - Irmgard S. muss mit etwa 600 Euro Rente auskommen. Verzicht bestimmt ihren Alltag

REUTLINGEN. Irmgard S. ist eine unauffällige Person. Propper gekleidet sitzt sie da, die kleine Handtasche an sich gedrückt. Eine Stunde, zwei Stunden, aber die Tasche lässt sie nicht los. Vielleicht braucht sie etwas zum Festhalten. Oder so etwas wie ein Schutzschild gegen die vielen Tiefschläge, die sie schon erlebt hat. »Ich bin ein armes Luder und bleib ein armes Luder«, sagt sie.

Die 62-Jährige lebt seit Jahren von Hartz IV - mit Mietbeihilfe macht das 731,98 Euro im Monat. Wenn sie demnächst Rentnerin wird, bekommt sie noch weniger, nämlich um die 600 Euro. Es hätte, zumindest geringfügig, mehr sein können. Wenn die Regierung nicht beschlossen hätte, Hartz-IV-Beziehern ab 61 Jahren keine Rentenbeiträge mehr zu zahlen.
Laut aktuellem Sozialbericht des Statistischen Bundesamtes gilt in Deutschland als armutsgefährdet, wer einschließlich Sozialleistungen und Mietbeihilfen mit weniger als 929 Euro monatlich auskommen muss. So gesehen ist Irmgard S. ein extrem »armes Luder«. Dabei hätte alles ganz anders kommen können. Immerhin ist sie gelernte Krankenschwester und war viele Jahre mit einem Architekten verheiratet. Aber, sagt die Reutlingerin: »Ich hab' nie Geld gesehen.« Das wird sich auch im Rentenalter kaum ändern. Was daran liegt, dass sie zwar hart gearbeitet hat - aber lange Jahre schwarz und ohne Steuerkarte.
Das war ein Fehler, und Irmgard S. weiß das heute. Aber es war nicht der einzige Fehler, den sie gemacht hat. »Mein ganzes Leben lief falsch.« Das fing schon damit an, dass sie mit ihrem Mann nach Norddeutschland zog. Sie fühlte sich dort »entwurzelt«, es ging ihr nicht gut. Sie hatte Fehlgeburten, wurde krank. Der komplette Verdienst ihres Mannes floss in den Bau des Eigenheims. Die kleine Familie - Irmgard S. hatte inzwischen einen Sohn bekommen - verschuldete sich deshalb sogar. Also ging die junge Mutter arbeiten. Sie pflegte Kranke. Schwarz, ohne in die Rentenversicherung einzuzahlen. Ihr Mann wollte das, weil er dachte, dass so mehr Geld fürs Haus hereinkommen würde.
»Ich hab mir keine Gedanken gemacht. Wenn man jung ist, denkt man ja nicht an Rente«, gesteht Irmgard S. ein. Zumal ihr Mann ihr immer einbläute, dass die Familie jetzt das Geld brauche, im Alter habe man dann ja seine Rente. Darüber kann sie heute nur bitter lachen. Sie machte sich auch keine Gedanken darüber, dass sie nicht im Grundbuch mit eingetragen war. Auch das sollte sich später rächen.
Weil es ihr gesundheitlich nicht gut ging, zog die Familie zurück nach Reutlingen. Ihr Mann wollte partout eine Wohnung kaufen, das Haus im Norden aber nicht verkaufen. Für den Immobilienerwerb nahm er einen Kredit auf, die Mieteinnahmen waren zur Tilgung gedacht. Eine Rechnung, die nicht aufging. »Irgendwann hat das Geld nicht mehr gereicht.« Doch Irmgard S. machte alles mit, unterschrieb, was er ihr vorlegte. »Ich dachte ja, der ist clever.« Und ergänzt leise: »Ich war naiv.«
Obwohl ihr Sohn noch klein war, ging sie wieder arbeiten - diesmal ganz »legal«, erst als Tagesmutter, dann als Nachtschwester ins Krankenhaus. Um auf eine 100-Prozent-Stelle zu kommen, musste sie dort 16 Nächte am Stück arbeiten. Abends um sieben Uhr ging sie los, morgens um halb neun kam sie heim. Dann machte sie den Haushalt, legte sich ein bisschen hin, holte mittags den Sohn vom Kindergarten ab, kochte. Und war todmüde, weil sie kaum zum Schlafen kam.
Das ging nicht lange gut. Das Ehepaar, das nur noch über Notizzettel kommunizierte, lebte sich auseinander. Und Irmgard S. raubte der Stress zunehmend den Atem: Sie bekam massive, mit Todesangst verbundene Hyperventilationsbeschwerden, die bis zur Bewusstlosigkeit führten. Deshalb musste sie ihren gut bezahlten Job aufgeben. Sie machte Therapien, doch nichts half. Ihr Mann nörgelte, weil sie nichts mehr verdiente. Und eines Tages war er weg.
Das machte ihre Krankheit noch schlimmer. Der Arzt wies sie in eine psychosomatische Klinik ein. Achteinhalb Monate wurde sie dort behandelt. Danach ging es ihr gut. Sie fand mit ihrem Sohn eine nette kleine Bleibe. Die gemeinsame Wohnung hatte ihr Mann inzwischen für 280 000 Mark verkauft. Sie ging davon aus, dass sie die ihr zustehende Hälfte bekommen würde, gut versorgt sei. Ein Trugschluss: Ihr Mann hatte während ihres Klinikaufenthalts die komplette Summe vom Treuhandkonto abgehoben. Es kam zur Gerichtsverhandlung, er behauptete, sich mit dem Geld an der Börse verspekuliert zu haben. Damit kam er durch. Das Haus in Norddeutschland hatte er inzwischen - die Scheidung lief bereits - auf seine Eltern übertragen. Irmgard S. stand mit leeren Händen da.
Die Pechsträhne wollte nicht abreißen. Weil ihr Ehemann während ihres Klinikaufenthaltes ihr Gehaltskonto um 20 000 Mark erleichtert hatte, musste sie auch noch Schulden abstottern. »Es war eine Katastrophe, ich musste ja Miete zahlen und hatte keine Arbeit.« Schließlich fand sie einen Job, auf der Schwerstbehindertenabteilung eines Altenpflegeheims. Das war nicht leicht. Aber, sagt Irmgard S.: »Ich liebe diesen Pflegeberuf.« Es ging aufwärts. Exakt drei Jahre lang, bis sie unglücklich stürzte, als sie einen bettlägerigen Mann hochheben wollte. Sie zog sich Verletzungen am Lendenwirbel zu, musste mehrfach operiert werden. Und verlor ihren Arbeitsplatz. 
Das war 1994. Ihr Antrag auf Erwerbsunfähigkeitsrente scheiterte: 32 Arbeitstage fehlten, um einen Anspruch geltend machen zu können. Also lebte sie erst von Sozialhilfe, später von Hartz IV. Die Konsequenzen waren bitter. »Ich musste alles aufgeben.« Ihr schönes Zuhause, weil sie in eine 52 Quadratmeter kleine GWG-Wohnung ziehen musste, aber auch die ohnehin schon geringen Ansprüche ans Leben. Kleidung kauft sie nur noch in Second-Hand-Läden, Lebensmittel beim Billig-Discounter. »Fleisch habe ich seit Jahren nicht mehr gegessen, das ist einfach zu teuer.« Selbst Busfahrten in die Stadt kann sie sich kaum leisten. Auch keine Anrufe zum 40 Kilometer entfernt wohnenden Sohn oder der besten Freundin, geschweige denn eine Zugfahrt dorthin. Das ist für Irmgard S. das Schlimmste: ihre durch Armut entstandene Einsamkeit. »Ich sitze eine Woche lang in der Wohnung und kann mit niemandem reden.« Eine Zeit lang engagierte sie sich ehrenamtlich in einer Kirchengemeinde, doch wegen der Schmerzen im Rücken musste sie auch das aufgeben.
»Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel«, beschreibt sie bekümmert ihre Situation. Ganz schlimm wird es, wenn etwas außer der Reihe kommt - etwa die Nachzahlung für Mietnebenkosten. Dann gibt's einen Monat lang Marmeladenbrot und Leitungswasser. Als der Wasserhahn den Geist aufgab, unterstützte sie der Verein »GEA-Leser helfen«. Bei der kaputten Brille sprang die Caritas mit einem Vorschuss ein. »Da ist einem schon damit geholfen«, sagt Irmgard S., »von der Bank kriegt unsereins ja kein Geld.« (GEA)


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