14.10.2011 16:30 Alter: 217 days

Zeit der Scham ist vorbei

Artikel im GEA am 11. Okt. 2011 zum Thema Frauen-Armut


Aktionswoche Frauenarmut - Verschuldet und ohne Wohnung: Eine Gymnasiallehrerin schlitterte in die Katastrophe

Aktionswoche Frauenarmut: »Die Zeit der Scham ist vorbei«

Von Ulrike Glage

REUTLINGEN. Vor nicht allzu langer Zeit stand sie noch vor ihrer Klasse an einem Gymnasium. Sie unterrichtete Sport und Deutsch, war engagiert und, wie sie im Nachhinein sagt, »guten Mutes«. Jetzt sitzt Marion B. (Name von der Redaktion geändert) auf einem Bänkchen vor dem Gebäude der Arbeiterwohlfahrt (AWO) und anderer Wohlfahrtsverbände. Man sieht ihr an, dass es ihr nicht gut geht. Wie auch? Die 56-jährige Akademikerin ist mittlerweile AWO-Klientin. Obdachlos, verschuldet, ohne Perspektive.

Der Absturz kam auf Raten. Vielleicht fing er schon an, als ihre erste Ehe in die Brüche ging. Auf einmal taten sich Risse in der gutbürgerlichen Existenz auf. Die Trennung vom Mann, dem gemeinsamen Haus, der Illusion vom Eheglück - das, sagt Marion B., »hat mich aus meiner Lebensbahn geworfen«. Als auch die zweite Ehe mit einer Enttäuschung endete, war das für sie eine Katastrophe. »Das hätte meiner Seele nicht passieren dürfen.« Möglicherweise hat der Frau, in deren Schilderungen die Worte »Höllenstress« und »Horrortrip« so oft vorkommen, aber auch die Zwangsräumung ihrer Wohnung den Rest gegeben.
Was auch immer: Inzwischen ist sie unten angekommen. Das »frühere«, normale Leben ist ein abgeschlossenes Kapitel, mit dem ihr Hier und Heute nichts mehr zu tun hat. »Das ist wie auf einem anderen Planeten.« Es gab Tage, da hatte sie keinen Cent mehr in der Tasche, wusste nicht, wo übernachten. »Das muss man mal erleben, nach meiner Karriere«, sagt sie. Und betont: »Armut ist weiblich. Das kann ich dreimal unterstreichen.« Anfangs war ihr der soziale Niedergang peinlich. Heute nicht mehr. »Bei mir ist die Zeit der Scham vorbei.«
Zur Crux wurde der Gymnasiallehrerin, dass sie immer »nur« im Angestelltenverhältnis beschäftigt war. Nach Examen und Heirat zog sie ihre drei Kinder auf, jobbte nebenher in einem Kindergarten in der Nachbarschaft und machte deshalb eine Zusatzausbildung als Erzieherin. Dann die Trennung vom ersten Mann, die vielleicht noch verkraftbar gewesen wäre.
Die zweite Ehe beschleunigte den finanziellen und psychischen Abwärtsstrudel. Marion B. heiratete 2002 einen algerischen Asylbewerber. Sie sagt, es sei Liebe gewesen und dass sie sämtliche Warnsignale ignoriert habe. Ein halbes Jahr später »outete« sich der Mann: Er hatte sie geheiratet, obwohl er eine Frau und einen Sohn in Algerien hatte. Der Mann konnte kaum deutsch, hatte keine Arbeit. Also versorgte sie ihn mit, wie ihre drei Kinder auch. »Typisch weiblich, ich hab' mir einfach zu viel aufgeladen.«
Nach 17 Jahren als Erzieherin bekam sie damals ihre erste Vollzeitstelle als Lehrerin an einer gewerblichen Schule, 60 Kilometer von ihrem Wohnort in einer Reutlinger Kreisgemeinde entfernt. Die unglückliche Beziehung, die weite Fahrt, Stress in der Schule - das verkraftete sie nicht. Sie war oft krank, spricht von »Burn-out«. Die Schulleitung kündigte ihr noch in der Probezeit. »Kein Geld, kein Job - ich war nur noch am rennen, mein Leben in Ordnung zu bringen«, schildert sie ihre Situation.
Es ging ihr schlecht. So schlecht, dass sie in eine Trauma-Klinik eingeliefert wurde. Kurz nach der Entlassung »rauschte« Marion B. in ihre erste Psychose. Mithilfe eines Facharztes wurde sie wieder gesund, »so gut es unter diesen Umständen eben geht«. Schon wegen der Schulden versuchte sie, zurück in den Arbeitsprozess zu kommen. Tatsächlich bekam sie eine befristete Vertretungsstelle an einer Grundschule, danach eine mit 22-Stunden-Deputat an einem Gymnasium. Das war im Herbst 2006. Mit den Schülern, sagt sie, sei sie gut klargekommen. Mit den Kollegen weniger. Sie reagierte mit Migräne-Attacken, fiel häufig aus. Die Schulleitung riet ihr zu einer Auszeit. »Das war für mich eine Riesenerleichterung, weil ich gemerkt habe: Ich bin am Ende meiner Kraft.«
Marion B. wurde auf unbestimmte Zeit krankgeschrieben: »Burn-out«, Depressionen. Das war im Januar 2009. Sie bekam Krankengeld, bei 80 Prozent vom Angestelltendeputat etwa 1 400 Euro im Monat. Im Juni 2010 dann der nächste Tiefschlag: Die Krankenkasse stellte ihre Zahlungen komplett ein.
Der Versuch, nach den Sommerferien in den Schuldienst zurückzukehren, scheiterte. Man riet ihr, damals 54 Jahre alt, Frührente zu beantragen. Weil sie viel in Teilzeit gearbeitet hatte, wären ihr etwa 500 Euro monatlich zugestanden - für eine Alleinstehende mit drei Kindern und hohen finanziellen Belastungen zu wenig. Aber sie wollte auch nicht »ausgemustert« werden, sondern wenigstens mit einer halben Stelle zurück ins Lehramt. Marion B., mittlerweile wieder gesundgeschrieben, beantragte Arbeitslosengeld, das man ihr auch in Aussicht stellte. Sie löste den gemeinsamen Haushalt mit den inzwischen erwachsenen Kindern auf, um allein in eine kleinere Wohnung zu ziehen - und verbrauchte die letzten finanziellen Ressourcen für Umzug, Kaution und erste Miete.
Weder vom ersten Mann noch der Herkunftsfamilie kam Unterstützung. Also bemühte sie sich um staatliche Hilfe. Aber an wen sollte sie sich wenden? Das Jobcenter Reutlingen? Die Tübinger Außenstelle für Akademiker? Oder das Regierungspräsidium als Noch-Arbeitgeber? Sie geriet zwischen die Mühlen, keiner fühlte sich zuständig. Marion B. wusste sich nicht zu helfen, nahm schließlich einen Anwalt. »Ich war unkundig, bis dato war ich ja in einem guten sozialen Netz.«
Krankengeld bekam sie schon lange nicht mehr. Weil ihre alte Stelle aber noch nicht gekündigt war, scheiterte Marion B. mit einem Hartz-IV-Antrag. »Ein halbes Jahr bin ich nach Geld gerannt, von Pontius bis Pilatus.«
Ohne Erfolg. Wegen Mietrückständen wurde ihr erst die Wohnung gekündigt, kurz darauf auch der alte Job. »Das war das Ende vom Lied.« Sie bekam einen Nervenzusammenbruch, wurde in eine Psychiatrische Klinik eingewiesen. Als Marion B. entlassen werden sollte, wehrte sie sich: Sie wusste schlicht nicht, wohin. »Das war mein größter Albtraum, ohne Wohnung auf der Straße.«
Ihre Rettung war das Elisabeth-Zundel-Haus, eine AWO-Einrichtung für wohnungslose Frauen. Mehrere Monate fand sie dort eine Bleibe. »Ich war unheimlich dankbar, denn ich hatte ein Dach überm Kopf und viel Unterstützung.« Heute lebt sie in einer »Oase«, einem von der AWO angemieteten Haus für Obdachlose. Sie rang sich durch, Frührente zu beantragen, lebt derzeit noch von Hartz IV. Wie sie damit zurechtkommt? »Schlecht. So schlecht wie alle anderen auch.« Abzüglich der Fixkosten bleiben ihr etwa 300 Euro im Monat. »Da sind schon zehn Euro für einen Duschvorhang viel Geld.« Früher achtete sie auf gesunde Ernährung, baute eigenes Gemüse an, kaufte auf dem Wochenmarkt ein. Jetzt geht nur noch »billig, billig«, wie sie bitter sagt. »Wissen Sie, das ist einfach eine furchtbare Not.«
Und eine Demütigung, wenn mal wieder das Geld ausgegangen ist und sie sich nicht anders zu helfen weiß, als die Freundin anzupumpen - die einzige, die ihr geblieben ist. »Das ist irre, wie sich der Freundeskreis reduziert, wenn man in Not ist.« Und noch eine Erkenntnis, auf die sie lieber verzichtet hätte: »Unser soziales System ist haarsträubend und menschenverachtend.« (GEA)


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