12.10.2009
Arm trotz Arbeit
Reutlingen „Arm trotz Arbeit“ – unter dieser Überschrift informiert die Liga der freien Wohlfahrtsverbände im Landkreis wieder beim diesjährigen landesweiten Aktionstag „Armut bedroht alle“ am Donnerstag 15. Oktober. Ein Thema, das auch zunehmend im Landkreis Reutlingen an Relevanz gewinnt, wie nicht zuletzt ein Blick in die Statistiken von Arbeitsagentur und Jobcenter zeigen.
Die Liga informiert daher am 15. Oktober in der Citykirche mit Infoständen und durch ihre Mitarbeiter über Niedriglöhne und Lösungsansätze - in der Zeit zwischen 11.30 Uhr und 18 Uhr. Außerdem wird Jens Junginger, Pfarrer für den Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt in der Prälatur, auf das Thema Niedriglohn und seine Hintergründe in einem Vortrag eingehen. Beginn des Vortrags- und Diskussionsabends ist um 19 Uhr, ebenfalls in der Citykirche (Nikolaikirche).
Ein Fall aus der Praxis, die Günter Klinger - Vorsitzenden der Liga im Kreis - in seiner Funktion als Geschäftsführer des Diakonieverbandes zunehmend begegnet: Familie F, zwei Kinder von zehn und zwölf. Der alleinverdienende Vater besitzt eine Ausbildung im Handwerk, muss nach längerer Krankheit und folgender Arbeitslosigkeit bei einer Zeitarbeitsfirma den Familienunterhalt verdienen. Er wird als ungelernter Produktionshelfer eingesetzt – in Vollzeit. Das Geld reicht hinten und vorne nicht, der Lohn ist so niedrig, dass Helmut F. (Name geändert) zusätzlich aufstockend Hartz IV beantragen muss. Und da der Lohn für den Zeitarbeiter jeden Monat schwankt, steht alle vier Wochen erneut der Gang zur Behörde an.
Familie F. gehört damit zu den rund 5600 Bedarfsgemeinschaften im Landkreis Reutlingen, die nach dem Sozialgesetzbuch Leistungen erhalten. In Deutschland summiert sich die Zahl inzwischen auf etwa 7,4 Millionen Empfänger. Weitere 2,7 Millionen Menschen leben in verdeckter Armut, hätten Anspruch auf Leistungen, nehmen diese aber nicht wahr. 900 000 Männer und Frauen erhalten aufstockend Hartz IV, arbeiten also Voll- oder Teilzeit. Im Landkreis verzeichnete die Arbeitsagentur im vergangenen Mai 3427 Bedarfsgemeinschaften mit anrechenbarem Einkommen (die gesicherten Daten werden erst mit dreimonatiger Verzögerung von der Arbeitsagentur veröffentlicht). Vorwiegend sind es Familien oder Alleinerziehende die arbeiten und dennoch auf Hartz IV angewiesen sind. Viele von ihnen im Niedriglohnsektor.
Niedriglöhne und Minijobs, macht Liga-Vorsitzender Günter Klinger deutlich, sind neben den Folgen der Wirtschaftskrise ein wesentlicher Faktor in der aktuellen Armutsentwicklung. Klinger verweist unter anderem auf die Reutlinger Tafel, die auch Sozialberatung anbietet. Dort werden die Mitarbeiter des Diakonieverbandes zunehmend mit Menschen konfrontiert, die im Niedriglohnsektor arbeiten, gleichzeitig aber einen ALG II-Bescheid zur Beratung mitbringen. Hinzu kommen immer mehr Männer und Frauen, die knapp über dem Hartz IV-Satz liegen und keine staatlichen Zuschüsse erhalten. Auch andere Vergünstigungen wie das Bonusheft der Staat entfallen dann.
Klinger macht Kennzeichen wachsender Armut auch an den rapide gestiegenen Besucherzahlen bei der Vesperkirche fest. „Wir erwarten bei der nächsten Vesperkirche eine weitere Zunahmen“, macht der Liga-Vorsitzende deutlich. Der Nothilfefonds im Diakonieverband, weiteres Indiz, muss in diesem Jahr um fast das Doppelte erhöht werden – von 12 000 auf etwa 22 000 Euro. Dabei ist der Diakonieverband nur einer der fünf Wohlfahrtsverbände im Landkreis, die sich zur Liga zusammengeschlossen haben. Die Situationen ähneln sich bei Caritas, Arbeiterwohlfahrt, Parität, DRK.
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