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Zur Kultur der Ermöglichung

Diakoniebeauftragte aus den Kirchenbezirken Reutlingen und Münsingen/Bad Urach trafen sich in Glems zum Austausch über die Zukunft als „Sorgende Gemeinde“


Wie kann und sollte die Zukunft in Kommunen, Gemeinden, Stadtvierteln und Quartieren aussehen? Diese Frage stellten sich am Samstag rund 25 Diakoniebeauftragte aus den Kirchenbezirken Reutlingen und Bad Urach/Münsingen im Dorfgemeinschaftshaus in Glems. Die nahende Entwicklung werde gravierende Veränderungen mit sich bringen, betonte Günter Klinger als Geschäftsführer des Reutlinger Diakonieverbands.

Und das unterstrich auch Richard Haug: Nach dem 7. Altenbericht der Bundesregierung wird die Zahl der Pflegebedürftigen bis zum Jahr 2030 deutlich zunehmen. „Die Baby-Boomer gehen in Rente, die 68er werden 68“, sagte der Dekan im Ruhestand. Angesichts des heute schon bestehenden Pflegenotstands – der sich bis in zehn Jahren noch weiter verschärfen wird – sowie des zugleich „abnehmenden familiären Pflegepotenzials“ (weil die Kinder oft weit weg wohnen), brauche es „einen Bürger-Profi-Mix“. Natürlich könne eine Kirchengemeinde keinen Pflegedienst ersetzen, „aber es braucht eine Ergänzung zu den professionell Pflegenden“, betonte Haug.

Nach der Formulierung des Altenberichts müssten „lokale Strukturen der gegenseitigen Sorge und Unterstützung entwickelt werden“, wie der Dekan ausführte. Oder in anderen Worten ausgedrückt: „Es gilt sorgende Gemeinde zu werden“, so Richard Haug. Was darunter zu verstehen sei? „Es gibt doch heute schon ganz viel“,  betonte Diakoniepfarrerin Annegret Bogner. Der Besuchsdienst in den Kirchengemeinden etwa sei bereits vorhanden, „dabei handelt es sich um einen ureigenen diakonischen Auftrag und Dienst“.

Haug erläuterte weiter: Nicht nur aufgrund der künftigen Pflegesituation müsse sich eine „sorgende Gemeinde“ entwickeln, sondern auch wegen der deutlich sinkenden Zahl der Pfarrstellen im Land sowie der gleichzeitig drastisch sinkenden Zahlen der Kirchengemeindeglieder. Aber: Es gebe heute und morgen auch eine große Vielzahl an „jungen Alten“, die sich kümmern könnten, die „ein besonderer Schatz sind, die Erfahrung und verfügbare Zeit mitbringen“. Sie könnten sich also nicht nur um die Hochbetagten kümmern, sondern auch um „junge Familien in der Rushhour des Lebens“, die dann ebenfalls von der „sorgenden Gemeinde“ profitieren würden. „Es gilt, immer das Ganze, generationenübergreifend, im Blick zu haben“, betonte Haug.

Dabei müsse die „sorgende Gemeinde“ gar nicht neu erfunden werden, „es gibt sie doch schon – wir müssen nur den eigenen Reichtum erkennen“, forderte Haug. Wie das funktionieren könne, das zeige beispielsweise die Reutlinger Kreuzkirchengemeinde jetzt schon mit dem Projekt „Lebenswert“. Eine große Vielzahl an Initiativen und Gruppen haben sich dort gebildet und gefunden, die von Foto- und Tanzkurs bis hin zur Geflüchtetenhilfe und Jobpaten genau das anbieten, was in der Gemeinde gefragt und gewollt sei. „Die ‚Sorgende Gemeinde‘ ist eine Chance der Erneuerung“, betonte Richard Haug. „Es geht um eine Kultur der Ermöglichung.“

Allerdings gebe es dafür keinen Masterplan, „die Kürzung der Pfarrstellen ist nicht das Schlimme, die neue Situation kann ganz viel vorhandenes Potenzial freisetzen“, betonte der Ruhestands-Dekan. Und selbst „bei abnehmender Gemeindegliederzahl kann es zu zunehmendem Engagement kommen“. Wer sich für die Ansätze der „Sorgenden Gemeinde“ interessiere – es gebe Unterlagen von der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Altenarbeit (EAFA) der EKD. Günter Klinger zeigte sich „fasziniert von dem Vortrag“ und Diakon Jürgen Rist betonte: „Es gibt eine ganze Menge Kompetenzen vor Ort, obendrein haben sowohl die kirchlichen wie auch die bürgerlichen Gemeinden Räume, die für Engagement einfach notwendig sind.“ In weiteren Programmpunkten entwickelte der Landessynodale Markus Möricke am Samstag in Glems „Visionäre Dimensionen“ zu dem Thema, am Nachmittag erarbeiteten sich die Diakoniebeauftragten zudem Möglichkeiten der Finanzierung und zu weiteren Möglichkeiten von „Sorgenden Gemeinden“.