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Jahresbericht 2017 der Suchtberatung >
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Kinder ohne sicheren Hafen

Fachtagung des Vereins "Vergessene Kinder"


Bis zu 6,6 Millionen Kinder leben mit mindestens einem Elternteil mit riskantem Alkoholkonsum zusammen. „Davon 4,2 Millionen bei einem Elternteil mit regelmäßigem Rauschtrinken“, betonte Reutlingens Jugendamtsleiter Reinhard Glatzel vor kurzem bei einem Fachtag, der von dem Verein „Vergessene Kinder“ organisiert wurde. „Jährlich nimmt der Staat rund 3,2 Milliarden Euro an Alkoholsteuer ein“, so Glatzel. Warum sei es angesichts dieser Tatsache so schwierig, Gelder für die Hilfe, Unterstützung und Präventionsarbeit  im Bereich von Kindern in alkoholkranken Familien zu erhalten, stellte der Jugendamtsleiter als Frage in den Raum des Matthäus-Alber-Hauses. „Stattdessen werden die Präventionsmittel für Prävention von der Landesregierung von 640 000 auf 100 000 Euro gekürzt.“

Es bestehe also dringender Handlungsbedarf, wie Hartmut Nicklau als Vorsitzender des Vereins der „Vergessenen Kinder“ bemerkte. Vor allem und ganz besonders im Bereich der ganz kleinen Kinder zwischen null und zwei Jahren, betonte Gastreferentin Prof. Christine Köckeritz von der Hochschule in Esslingen. Denn: Gerade in den ersten beiden Jahren „beginnt die psychische Entwicklung allein mit der emotionalen Bindung zu den Eltern – sie bedeutet Beruhigung, Trost und Unterstützung bei Angst, Schreck und Verunsicherung“, so Köckeritz. Fehle dieser „sichere Hafen“ bei alkoholkranken Eltern aufgrund von Vernachlässigung, „verbleiben die Kinder in Dauerstress, sie reagieren mit gesteigerter Unruhe und erhöhter Erregbarkeit, sie sind ohne Stressregulator“, betonte die Professorin vor weit mehr als 100 Fachkräften der Erziehungsarbeit, aus Sucht- und Jugendhilfe sowie der Sozialpsychiatrie.

Die Folgen der fehlenden Aufmerksamkeit durch alkoholkranke Eltern, durch psychische Gewalt, womöglich sogar durch körperliche Misshandlungen oder Missbrauch seien unabsehbar. Aggressionen seien häufig die Folge bei Kindern in alkoholkranken Familien, aber auch übermäßige Fürsorge  gegenüber den Eltern – „um die Beziehung zu Vater und Mutter zu kontrollieren“. Beides geschehe oft „aus einem angstfundierten Verhalten“, sagte die Professorin. Kinder würden zumeist denken, sie seien böse. „Wäre ich nicht böse, wären meine Eltern gut zu mir, weil ich aber böse bin, sind sie auch böse zu mir“, laute zumeist die Denkweise bei Kindern, die ihre Eltern idealisieren. Mittel- und langfristig werde die „suchtbedingte Vernachlässigung von Kindern zu Bindungsstörungen führen“. Verbunden mit Aggressionen, die Kinder und Jugendliche gegen sich selbst oder andere Menschen richten. Oder auch mit „wahlloser Freundlichkeit und Distanzlosigkeit – als Rettungsanker bei völlig vernachlässigten Kindern“, so Köckeritz.

Was aber wäre zu tun, fragte Christine Köckeritz das Publikum. Die Antwort gab sie selbst: Intelligenz und soziale Kompetenzen der Kinder müssten frühestmöglich gestärkt werden. Das funktioniere aber nur „durch verfügbare Bezugspersonen und sichere Bindungen“, betonte die Hochschulprofessorin. Durch Vernachlässigung hätten Kinder ganz schlechte Voraussetzungen, die sie nach wenigen Monaten in dieser Familie nur schlecht wieder aufholen könnten. Plädierte Köckeritz also für die frühzeitige Herausnahme von Kindern aus alkoholkranken Familien? „Das ist ein ganz schmales Zeitfenster, das zur Verfügung steht, denn Eltern brauchen Zeit und Kinder verlieren sie.“ Hilfen für Eltern gebe es genug, vom Entzug über Entwöhnung, Familienhilfe und vielem mehr. Für die Kinder sei es schwieriger, sie bräuchten die verlässlichen Bezugspersonen. Und zwar lebensnotwendig.

Weitere Vorträge folgten an diesem Fachtag im Matthäus-Alber-Haus, in Arbeitsgruppen wurden zudem Themen vertieft, „um die Zusammenarbeit zwischen Beratungsstellen, Jugendamt, freien Trägern der Jugendhilfe sowie anderen Einrichtungen zu verbessern. Grundfrage sei dabei: Wann und wie sollte und muss der Staat eingreifen, wenn es um das heikle Thema der Kindeswohlgefährdung geht, so Hartmut Nicklau. Die Herausnahme eines Kindes aus einer Familie sei ein gewaltiger und einschneidender Akt für alle Beteiligten. Wie hatte Christine Köckeritz es formuliert: „Jede Hilfe ist ein Eingriff in die Familie, jeder Eingriff ist aber auch Hilfe – auf jeden Fall muss der Schutz des Kindes im Vordergrund stehen.“