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Jahresbericht der Psychologischen Beratungsstelle


Zunahme von Armut und Depressionen

„Für manche Klienten aus Reutlingens Umfeld ist es schon schwierig, zweimal im Monat zu uns in die Beratungsstelle zu kommen“, berichtet Dagmar Kühnlenz-Weidmann gestern beim Pressegespräch zum Jahresbericht der Psychologen. Die Ursache für die Probleme, in die Tübinger Straße zu kommen, seien manchmal darin begründet, dass einem Paar oder auch Einzelpersonen ganz einfach das Geld für die Fahrkarten fehle.

„20 Euro im Monat nur für den Bus sind für manche ein großes Problem“, sagte die Leiterin der Beratungsstelle. Solche Schwierigkeiten würden ihr und auch ihrer Kollegin Gudrun Lorch immer wieder begegnen. Oder auch, dass Paare sich nicht trennen können – obwohl sie es wollten – weil ihnen das Geld fehlt, um sich allein finanzieren zu können. „Und wenn sich jemand einsam fühlt, eine andere Person kennenlernen möchte, dann geht das oft schon deshalb nicht, weil alles Geld kostet.“ Armut sei trotz niedriger Arbeitslosigkeit und hohem Lebensstandard ein gesamtgesellschaftliches Problem, sind sich die Kühnlenz-Weidmann, Gabriele Brandt und Detlev Rimkus einig. Das fange schon in jungen Jahren an, wenn viele Arbeitsverhältnisse nur noch befristet zu kriegen sind, „dann wissen nämlich viele nicht, wie es nach ein oder zwei Jahren weitergehen soll“, so Rimkus.

Familienplanung, ein Häuschen, eine Wohnung kaufen – alles extrem schwierig unter dem Aspekt der Befristung. Wenn dann zu Problemen in der Erziehung auch noch Schulden, womöglich Arbeitslosigkeit, Trennung oder Scheidung hinzukomme, wenn vor allem Frauen dann alleinerziehend seien – „all das taucht auch bei uns in der Beratung auf“, so Brandt.

„Aber nicht alle unsere Klienten sind arm“, betont Rimkus. Dennoch hätten auch besser gestellte Personen Probleme: Gerade in der Beratung von jungen Erwachsenen und Jugendlichen zeige sich, „dass der Druck sehr hoch ist, die richtige Ausbildung, den richtigen Beruf oder das passende Studium zu finden“, betont der Therapeut. Bei der immensen Vielfalt der Möglichkeiten falle die Auswahl extrem schwer, wenn dann noch das Problem hinzukomme, sich unter Gleichaltrigen durchsetzen zu können, „dann schaffen das zwar erstaunlich viele – manche aber auch nicht“. Und ein Teil von denen komme laut Rimkus dann in die Beratungsstelle. „Ein relativ neues Phänomen ist, dass Eltern erschöpft hier zu uns kommen, wenn die Kinder schon erwachsen sind, aber noch nicht das Richtige für sich gefunden haben“, erläutert Dagmar Kühnlenz-Weidmann.

Generell seien „Umbruchsituationen“ wie das Schulende, der Weg in den Beruf schwierige Lebensphasen. Aber auch jener Zeitpunkt, wenn die Kinder aus dem Haus gehen, womöglich die Pflege der Eltern wegfällt – „wenn die Paare auf sich selbst zurückgeworfen werden, sich neu orientieren müssen, bleibt dann nur das Warten auf die Enkel“, fragt Rimkus schmunzelnd und augenzwinkernd. Kühnlenz-Weidmann betont jedoch, dass dieser Punkt für viele Paare ein wirklich ernstes Problem darstelle: Wenn auf einmal vieles wegbreche, Paare auf einmal wieder Zeit füreinander haben, sich neu gemeinsam orientieren müssten, dann würden sich einige trennen. „Dieser Impuls, was Neues anzufangen, hat auch was mit der längeren Lebenserwartung der Menschen zu tun“, so Detlev Rimkus. „Der Anspruch an die verbleibende Lebenszeit steigt an“, so Brandt.

Generell zugenommen haben nach den Worten der Beraterinnen und Berater auch die psychischen Erkrankungen. Zwar seien die Klienten dann meist in psychiatrischer Behandlung – nur die Probleme, die aus den Erkrankungen im sozialen Umfeld entstehen, dafür seien die psychiatrischen Kliniken nicht zuständig. „Deshalb kommen die Patienten zu uns“, so Rimkus. Und das sei auch gut so. Das Phänomen der Zunahme vor allem von Depressionen sei im Übrigen altersunabhängig, „aber bei den 18- bis 25-Jährigen gab es eine deutliche Steigerung“, betont der Therapeut. Das Fazit der Psychologischen Beratungsstelle: „Jede und jeder kann zu uns kommen“, so Kühnlenz-Weidmann. Allerdings gebe es zumeist bis zu sechswöchige Wartezeiten für den ersten Termin.