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Herausfallen aus den Wolken der Gerechtigkeitsferne

Reutlinger Vesperkirche endet nach vier Wochen am 11. Februar mit einem Gottesdienst


Fast 400 Essen täglich sind in den zurückliegenden  vier Wochen in der Reutlinger Vesperkirche ausgegeben worden. „Insgesamt waren es rund 11 000 Mahlzeiten“, resümierte Vesperkirchen-Pfarrer Jörg Mutschler nach 29 anstrengenden, aber auch beglückenden Tagen – da waren sich die Mitarbeiter aus dem Leitungskreis des „besonderen Gasthauses“ einig.

Als Mutschler abschließend Dank sagte, erwähnte er neben den mehr als 250 ehrenamtlichen Helfern auch die Fahrer, die vielen Spender und „das großartige Team des Leitungskreises“. Ulrich Soulier etwa war 18 Tage anwesend, ebenso wie Mutschler betonte er, „jetzt platt zu sein“. Oder wie Jutta Kuhk es ausdrückte: „Nach vier Wochen sind wir etwas erschöpft von den vielen Aufgaben und Erlebnissen.“ Aber: Soulier wisse auch genau, dass er – sollte seine Gesundheit mitspielen – im kommenden Jahr wieder dabei sein wird.

Insgesamt sei in diesem Jahr nach den Worten von Gisela Braun „eine sehr entspannte Atmosphäre bei den Gästen wie auch bei den Mitarbeitern“ festgestellt worden. „Die Besucher haben sich sehr positiv über die Bedienung geäußert, die wir in diesem Jahr ja das erste Mal angeboten haben“, sagte Braun als hauptamtliche Mitarbeiterin des Diakonieverbands. „Aber auch die Mitarbeiter haben gesagt, dass sie durch ihre Tätigkeit des Bedienens in viel engeren Kontakt zu den Gästen gekommen sind.“

Und das Finanzielle? Hat das geklappt mit den Spendenboxen auf den Tischen? „Das haben einige aus dem Leitungskreis im Vorfeld kritisch gesehen“, so Braun. „Wir sind aber ungefähr auf dem gleichen Stand herausgekommen wie vergangenes Jahr“, betonte sie. „Was wieder hervorragend geklappt hat, war die Essensanlieferung durch die Küche der BruderhausDiakonie“, ergänzte Ulrich Soulier als Mitarbeiter im Leitungskreis.

„Vier Wochen gutes Essen, gutes Gespräch, vier Wochen Heimat auf Zeit an einem Ort der Wärme“, zog Mutschler während des gestrigen Abschlussgottesdienstes ebenfalls ein positives Fazit der diesjährigen Vesperkirche. Übrigens genauso wie Günter Klinger als Geschäftsführer des Reutlinger Diakonieverbands: „Die vier Wochen sind einmal mehr gelungen.“ Und dennoch bleibe ein schaler Geschmack, wie Matthias Weber vom Diakonischen Werk Mannheim in seiner Predigt ausführte. Denn: Vesperkirchen würden nun mal die Armut in einer Stadt, in der Gesellschaft sichtbar machen. Auch 3000 Jahre nach einer Geschichte aus der Bibel „gibt es noch Landraub, wird günstiger Wohnraum saniert und dann teuer weiterverkauft – das sind lebenszerstörende Mechanismen“, so Weber.

Aber auch „ungerechte Renten- und Steuersystem“ gelten nach den Worten des aus Reutlingen stammenden Pfarrers als deutliches Zeichen für die grassierende Ungerechtigkeit in der Gesellschaft. „Armut ist kein persönliches Versagen, sondern ein gesellschaftliches und politisches“, so Weber. Durch die Vesperkirchen im Land „soll die Politik aus allen Wolken ihrer Gerechtigkeitsferne fallen“, betonte der Pfarrer während seiner Predigt und wandte sich somit gegen „Turbokapitalismus, Ökonomie und Gewinnmaximierung“.

Weil sich an diesen gesellschaftlichen Umständen bis zum nächsten Jahr kaum etwas Entscheidendes ändern wird, steht der Termin für die kommende Vesperkirche auch schon fest: Von Sonntag, 13. Januar, bis Sonntag, 10. Februar, ist die 22. Vesperkirche schon fest eingeplant. Und zwar nicht nur beim Vesperkirchen-Leitungskreis, sondern auch bei vielen anderen ehrenamtlichen Mitarbeitern, wie Gisela Braun hervorhob. „Diese Ehrenamtlichen haben immer wieder gesagt, dass sie bei ihrem Einsatz hier in der Vesperkirche selbst beschenkt wurden“, hatte Mutschler ausgeführt.

Ein paar Einträge aus dem erstmals ausgelegten Gästebuch verdeutlichen zudem die Empfindungen der Besucher: „Die kleine Diana aus Istanbul hat geschrieben: Vesperkirche ist schön wie ein Regenbogen“, beschrieb Mutschler. „Vielen Dank für alle Mühen und die Freundlichkeit“, sei ein anderer Eintrag gewesen. „Ich bin empört über das Verhalten der Bedienung, von diesem einen jungen, blonden Mann“, schrieb eine weitere Person. „Es gibt nichts zu tadeln, nichts zu beanstanden“, schrieb hingegen ein anderer Besucher.