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Gemeinsam gegen häusliche Gewalt


Bundesweit – also auch in der Stadt Reutlingen und im Landkreis – kommt es immer wieder zu häuslicher Gewalt. Schläge, Prügel, Tritte und mehr müssen zumeist Frauen als Opfer erleiden. Im Landkreis geschah das rückblickend durchschnittlich 60 Mal pro Jahr, mit 30 bis 40 Wohnungsverweisen, wie Kristina Eisele von der Erstberatungsstelle beim Landratsamt gestern ausführte. In der“,  kommen in etwa noch einmal so viele Fälle hinzu, berichtet Bernd Stöhr vom städtischen Ordnungsamt. Er ist mit seinen Mitarbeitern dafür zuständig, die von der Polizei ausgesprochene Verweise auf bis zu zwei Wochen auszudehnen.

Als der Wohnungsverweis im Jahr 2000 als Modell im Land eingeführt wurde, stieg Reutlingen ab Juni 2001 mit ins Boot. „Der Clou daran war von Anfang an, dass nicht das Opfer nach einer Lösung suchen muss, sondern der Täter kriegt die rote Karte und muss aus der Wohnung raus“, sagt Horst Vöhringer, der vom Polizeipräsidium Reutlingen von Anfang an das Modellprojekt begleitet hat. Voraussetzung ist allerdings, dass die Polizei in der Wohnung auftauchen muss, in der jemand gewalttätig geworden ist. „Deshalb ist es dringend notwendig, dass Gewalt aus der Privatsphäre herausgeholt wird“, sagt Ingrid Wiedmann vom Landkreis-Amt für Recht und Ordnung.

Denn nur dann kann das „Drei-Säulen-Modell“ greifen, nur dann kann zunächst von der Polizei ein Wohnungsverweis an den Gewalttäter erteilt werden. Der Verweis gilt zunächst bis zu vier Tage, das Ordnungsamt von Stadt oder Landkreis muss dann den Kontakt zu Opfer und Täter suchen und danach entscheiden, ob es sinnvoll ist, den Wohnungsverweis auf bis zu zwei Wochen zu verlängern. Sollte die Situation bis dahin immer noch nicht geklärt sein, so kann auf Antrag beim Amtsgericht eine „Wohnungszuweisung“ an das Opfer erfolgen, eventuell mit Näherungs- und Betretungsverbot verbunden.  Der richterliche Bescheid gilt bis zu sechs Monate.

Damit die Kontrahenten von Opfer und Täter sich klar werden, ob sie die Trennung – oder trotz Gewalt ein Wiederzusammenkommen – wollen, wurden Erstberatungsstellen für Stadt und Landkreis als dritte Säule des Modells neben Polizei und Ordnungsämter eingerichtet. Florence Wetzel vom Diakonieverband hat die Stelle für die Stadt übernommen, Kristina Eisele die für den Landkreis. Ihre Erfahrungen mit dem Modell sind sehr positiv: „Es ist eine gute Möglichkeit, um Gewalt tatsächlich zu beenden“, sagt Wetzel. Natürlich gelinge das nicht in allen Fällen – drei bis vier Mal komme es im Jahr zu Wiederholungstaten, also dass ein bereits bekannter Gewalttäter erneut auf seine Partnerin in den eigenen vier Wänden einprügelt.

Aber: „Mehr als 90 Prozent der Täter sind nach einem Wohnungsverweis-Verfahren nicht mehr gewalttätig geworden“, betont Vöhringer. „Wenn das kein Erfolg ist.“ Auch er plädiert dafür, häusliche Gewalt öffentlich zu machen: Nachbarn sollten nicht wegschauen, wenn in der angrenzenden Wohnung, im nächsten Haus womöglich Gewalttaten begangen werden, so Vöhringer. „Es ist richtig und wichtig, dass Gewalt öffentlich wird“, betont Wiedmann. „Wenn die Polizei urplötzlich in den eigenen vier Wänden steht und eingreift, dann ist das nicht nur für das Opfer, sondern auch für den Täter eine Zäsur.“

Schließlich würden oftmals die Täter allein mit Drohungen die Gewalt unter dem Teppich oder in den eigenen vier Wänden halten – nun wird sie aber öffentlich. „Wenn du anderen was sagst, nimmt dir das Jugendamt die Kinder weg“, sei laut Wetzel zudem eine gängige Forderung der Täter an die Opfer. Was ja überhaupt nicht stimme, betont Eisele. Aber viele Frauen hätten vor dieser Drohung noch mehr Angst als vor der Gewalt durch den Partner. „Im Durchschnitt brauchen Frauen sieben Jahre, bis sie sich von dem prügelnden Partner lösen können“, erläutert Wetzel. Es gebe aber auch Frauen, die sich mehr als 20 Jahre lang prügeln und demütigen lassen. „Ich hatte vor kurzem einen Fall, der Täter hatte 30 Jahre Gewalt gegenüber seiner Frau sogar eingestanden, sagte aber dann: Das ist meine Sache, geht euch nichts an“, berichtet Kristina Eisele.

Wichtig sei die Begleitung der Frauen, damit sie den Mut finden, sich aus dieser gewalttätigen Beziehung zu lösen, so Wetzel. Wichtig sei aber auch das Gespräch mit den Tätern: Immerhin mehr als 60 Prozent lassen sich darauf ein. Einige machen dann tatsächlich ein Gewaltsensibilisierungs-Training, andere sind jedoch für Problembewusstsein oder Selbsterkenntnis nicht erreichbar. Den Frauen soll und muss mit dem Opferschutzgesetz, das seit 2002 bundesweit gilt, aber Zeit und Raum geboten werden, um sich über sich selbst, über die Situation und eine mögliche Zukunft bewusst zu werden. „Dafür gibt es den Wohnungsverweis“, sagt Vöhringer.