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Geldsorgen belasten auch psychisch


Neuer Entschuldungsfonds von Landeskirche und Diakonischem Werk Württemberg soll Menschen aus der Schuldenfalle helfen

Wer hätte das gedacht, dass Martin Luther als Gegner von Schulden und Zinsen 500 Jahre nach der Veröffentlichung seiner 95 Thesen noch Gutes bewirken könnte? „Im Reformationsjahr haben württembergische Landeskirche und Diakonisches Werk mit jeweils 150 000 Euro einen Entschuldungsfonds eingerichtet“, sagte Günter Klinger am Dienstagnachmittag in der Diakonischen Bezirksstelle Bad Urach. Die insgesamt 300 000 Euro werden 22 Schuldnerberatungsstellen in Württemberg zur Verfügung gestellt.

Der Landkreis Reutlingen erhält dabei einen Betrag von 16 500 Euro, profitieren sollen davon Menschen, die einen verhältnismäßig kleinen Betrag an Schulden hinter sich herziehen. So wie Jenny T. (Name geändert). „Sie ist 29 Jahre alt, als sie vor fünf Jahren schwanger war, verunglückte ihr Lebensgefährte, seine Einnahmen sind weggebrochen und seitdem schleppt Jenny T. einen kleinen Schuldenberg hinter sich her – ohne die Aussicht, den jemals loszuwerden“, berichtet Daniel Spinner als Schuldnerberater der Liga der Freien Wohlfahrtsverbände im Landkreis Reutlingen. Über den Schuldenbetrag von 4000 Euro wurde zusammen mit Jenny T.s Schuldnern ein Vergleich geschlossen, sie müsse schlussendlich noch 1600 Euro zahlen – dann wäre sie schuldenfrei.

„Schulden haben immer auch psychische Auswirkungen“, betont Günter Klinger als Geschäftsführer des Reutlinger Diakonieverbands, in dessen Trägerschaft Spinner als Schuldnerberater für das Ermstal und die Münsinger Alb arbeitet. „Schulden sind immer ein zusätzlicher Klotz am Bein, der zu den meist schwierigen Lebensumständen der Verschuldeten hinzukommt“, hat Daniel Spinner in seiner nun siebenjährigen Tätigkeit als Sozialarbeiter für den Diakonieverband immer wieder erleben müssen.

Insgesamt gibt es nach den Worten von Susanne Schur als Leiterin der Diakonischen Bezirksstelle in Bad Urach „3,3 bis 3,7 Millionen Haushalte, die überschuldet sind“. Betroffen seien davon 6 bis 7 Millionen Menschen, darunter ganz viele Kinder, so Schur. Mit dem Startkapital von Diakonie und Landeskirche könne laut Ina Kinkelin-Naegelsbach den gering Verschuldeten, für die kein Privatinsolvenz-Verfahren in Frage komme, nun „wieder eine Perspektive gegeben werden“, so die Leiterin der Diakonischen Bezirksstelle in Münsingen. Die Anträge an den Entschuldungsfonds stellen nicht die Betroffenen selbst, sondern die Schuldnerberaterinnen und Schuldnerberater. Melden können sich die Verschuldeten also nicht nur bei Daniel Spinner, sondern auch bei den vier Beraterinnen des Landkreises in Reutlingen. Die empfehlen dann geeignete Personen an die Entschuldungsfonds-Jury (die aus Klinger, Schur und Kinkelin-Naegelsbach besteht). Gemeinsam berät das Trio schließlich, ob die vorgeschlagenen Fälle als Empfänger der zinslosen Kredite geeignet sind.

Voraussetzung ist aber ein Vergleich mit den Schuldnern und die Person müsse fähig sein, in kleinen monatlichen Raten den zinslosen Kredit vom Fonds zurückzuzahlen. Die maximale Vergabesumme belaufe sich auf 4000 Euro, „das Geld ist kein Geschenk, es muss zurückbezahlt werden“, so Spinner. Im Fall Jenny T. in 32 monatlichen Raten à 50 Euro. Weil mit 16 500 Euro im Entschuldungstopf aber nicht wirklich vielen Menschen geholfen werden könne, sucht der Diakonieverband nach Spenden und Spendern. „Wenn wir 50 000 oder 100 000 Euro hätten, könnten wir ganz entspannt in die Zukunft schauen und deutlich mehr Menschen helfen“, so Klinger.

Weiterhin seien Überlegungen da, dass ein Projekt sich um Jugendliche und auch um Geflüchtete kümmert, „die mit den Strukturen hier überfordert sind, mit den Handy-Verträgen, mit Ratenkauf und einigem mehr“, so Kinkelin-Naegelsbach. Ruckzuck würden viele Menschen da in der Schuldenfalle landen. „Die Thematik wird uns die kommenden Jahre weiter beschäftigen“, ist sich Klinger sicher.

 Spendenkonto und Telefonnummer

 Wer sich an die Schuldnerberater des Landkreises oder der Liga der Freien Wohlfahrtsverbände wenden will, kann dies in Reutlingen unter der Tel.Nr. (07121) 480-4117 tun, in Bad Urach unter (07125) 948761 oder in Münsingen unter (07381) 4827. Wer Geld für den Entschuldungsfonds spenden möchte: Kreissparkasse Reutlingen, IBAN: DE84 6405 0000 0000 3011 32, BIC: SOLADES1REU

 

(Artikel im Reutlinger General-Anzeiger am 27. Oktober 2017)