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Forum Diakonie

Das Lächeln eines Schulsozialarbeiters


Gibt es ihn noch, den Barmherzigen Samariter? In der Diakonie, in der Sozialen Arbeit? Oder ist der Barmherzige „zu einem reinen Dienstleister geworden, zu einem möglichst gering zu haltenden Kostenfaktor“, wie Wolfgang Budweg als Veranstalter am Freitagabend fragte. Traditionell treffen sich am Freitag vor dem 1. Advent kirchliche und diakonische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum „Forum Diakonie“ im Reutlinger Hohbuchzentrum. Um sich mit jeweils aktuellen politischen oder sozialen Fragen zu befassen.

Am vergangenen Freitag, 1. Dezember, nun also die alte biblische Figur des barmherzigen Samariters. Ob der heute noch zu finden ist, in der sozialen Marktwirtschaft? Als Gastreferent war Prof. Klaus Schellberg von der Evangelischen Hochschule in Nürnberg eingeladen worden. Er sei normalerweise „als Betriebswirt im Sozialbereich unterwegs“, sagte der Professor zunächst. Und das war seinem Vortrag dann auch anzumerken: Zwar brach er in seinen Ausführungen eine Lanze für die Soziale Arbeit – das tat er allerdings im Stile einer Betriebswirtschafts-Vorlesung. Indem er nämlich den Nutzen des Sozialen in Euro und Cent vorrechnete.

Wenn wir soundso viel etwa in die Wohnungslosenhilfe investieren, dann sparen wir nach wenigen Jahren soundso viel Geld. Schellberg rechnete hoch, dass es doch billiger sei, den Menschen zu helfen, sie vielleicht wieder in Arbeit zu bringen, als sie in Haft oder in die Psychiatrie abzuschieben. Oder ein anderes Beispiel unter dem Titel „Wirtschaftswachstum“: Bei der Schaffung von 100 Kindertagesplätzen würden die Eltern mit 1247 Stunden pro Woche „entlastet“ – was umgerechnet genau 35,9 Vollzeitarbeitsplätze ausmache. Und damit werde ein Wachstum von rund 3 Millionen Euro geschaffen, was für eine Stadt der Größe Reutlingen 3,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmache. Solche Rechnungen würden sich im Übrigen nicht nur für Kindertagesstätten oder Wohnungslose aufmachen lassen, sondern „auch für Hospize und Beatmungsstationen“, so Schellberg.

Wolfgang Alber bemängelte als Moderator der folgenden „Talk-Runde“ jedoch nach dem Vortrag: „Ethische Werte und Betriebswirtschaft in ein Raster zu pressen, das finde ich irritierend“, betonte der ehemalige Redakteur des Schwäbischen Tagblatts. Schellberg reagierte mit einer Gegenfrage: „Sollen wir dem Raubtierkapitalismus soziale Verantwortung abringen oder sollte nicht andersherum das Soziale aufzeigen, dass die dort geleistete Arbeit gut, sinnvoll und effektiv für die Gesellschaft und die Wirtschaft ist?“

Auf die „Verwirtschaftlichung“ im Sozialen wies auch Landrat Thomas Reumann als einer von zwei Gesprächspartner von Alber hin: „Wir sind längst dabei, dass die Grenzen der Überökonomisierung der Daseinsfürsorge überschritten wurden.“ Gerade im Bereich der medizinischen Hilfen sei das offensichtlich, „Kliniken dürften aber keine Gesundheitsfabriken sein“, so Reumann.

Doch zurück zum Barmherzigen Samariter, der doch für die uneigennützige Hilfe von Menschen steht, denen es schlechter geht. Oder? „Müsste sich das Diakonische Werk Württemberg nicht deutlich politischer äußern“, fragte Wolfgang Alber den Vorstandsvorsitzenden des DW. „Wer diakonisch unterwegs ist, kämpft grundsätzlich für die Veränderung der Verhältnisse.“

Allerdings dürfte laut Reumann die Wirtschaftlichkeit nicht außer Acht gelassen werden. Am Beispiel der Schulsozialarbeit führte der Landrat an, dass eine Messung der Wirkung sozialer Arbeit „schnell an die Grenzen stoßen würde“. Schließlich könne ja nicht aufgezeigt und hochgerechnet werden, wie viele Heimunterbringungen durch die frühzeitige Unterstützung und Hilfe an Schulen vermieden würden. „Wir sind aber überzeugt, dass die Schulsozialarbeit sehr sinnvoll ist und dürfen uns nicht immer auf evidenzbasierte Kennzahlen berufen.“ Gleichzeitig müsse „aus Solidarität für die nachfolgenden Generationen eine Balance gefunden werden zwischen den notwendigen Hilfen und den Kosten“, betonte Thomas Reumann.

Es gebe allerdings laut Schellberg, der sich immer mal wieder in den „Talk“ einschaltete, in der sozialen Arbeit sehr wohl „Kosten-Nutzen-Analysen, die man jedoch auch übertreiben kann“. Schließlich sei nicht bezifferbar, „wie viel ein Lächeln eines Schulsozialarbeiters bringt“. Dazu hob der Landrat mahnend den Zeigefinger: „Ich warne vor dem Messen von Lebensqualität.“ Gewarnt hat auch Kaufmann vor der „immer weitergehenden Ökonomisierung, das muss diskutiert werden – denn oftmals geht es nur noch darum, wer soziale Leistungen am billigsten anbietet“.

Dr. Christian Rose fasste den Abend nach den musikalisch erquicklichen Beiträgen der Band „Blue Curtain“ in seinem Schlusswort zusammen: „Die Grundfrage bei alldem ist doch: Was hält eine Gesellschaft zusammen“, sagte Reutlingens Prälat. Die soziale Marktwirtschaft sei dabei ein Gesellschaftsmodell, „das sollten wir beibehalten“. Schließlich habe es sich seit 70 Jahren bewährt.