20.04.2010 14:42

Asylpfarramt

 

Sie versteht sich als Anwältin von Flüchtlingen im „politisch-sozialen Sinn“, setzt sich für deren Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ein, für bessere Lebensbedingungen, einen wirksameren Flüchtlingsschutz und wirkt dabei gleichzeitig als Seelsorgerin: die neue Asylpfarrerin Susanne Haag, württembergische Pfarrerin zur Anstellung - und Nachfolgerin von Ines Fischer, die zuvor fünf Jahre lang die evangelische Asylarbeit in Reutlingen und der Region geprägt hat.

 
 
 
Aufgewachsen ist die dreißigjährige Theologin in Stuttgart-Degerloch, brachte sich dort in die Kinderkircharbeit ein und organisierte als Gruppenleiterin bei den Pfadfindern in Heumaden zahlreiche wöchentliche Aktionen und Zeltlager. Sie ist kirchlich sozialisiert und verankert und gleichzeitig schon in frühen Jahren über ihre Mutter, die sich in der Hausaufgabenbetreuung und in der einer Nähstube der Degerlocher Flüchtlingsunterkunft engagierte, in Kontakt mit der Flüchtlingsarbeit gekommen. Die Familie pflegte ein offenes Haus für Menschen unterschiedlichster Herkunft, sogar an Heilig Abend saßen teilweise Flüchtlinge mit am Tisch.
 
Susanne Haag engagierte sich in Schulzeit und Studium über die Pfadfinder und das württembergische Jugendwerk bei zahlreichen internationalen Begegnungen. Eine ihr wichtige selbst gemachte Erfahrung stammt aus dieser Zeit: „Durch gemeinsames Tun entsteht Verständnis über alle kulturelle Grenzen hinweg.“
 
Nach dem Abitur 1998 machte sich Susanne Haag nach Südamerika auf. Ein Freiwilliges Soziales Jahr in der bolivianischen Stadt Tarija, vermittelt über den Internationalen Christlichen Jugendaustausch. Zum Hintergrund: Der ICJA Freiwilligenaustausch weltweit ist eine Non-Profit-Organisation, die deutsche Freiwillige für ein Jahr in über 40 Länder weltweit vermittelt und internationale Freiwillige in Deutschland aufnimmt. Die notwendigen Spanischkenntnisse erarbeitete sich Susanne Haag bei einem Sprachkurs vor Ort. In Bolivien arbeitete die frischgebackene Abiturientin an einer Behindertenschule und mit Straßenkindern. Fern der Heimat lernte sie, auf eigenen Füßen zu stehen - unter den erschwerten Bedingungen, die ein Entwicklungsland und eine fremde Kultur mit sich bringen.
 
In Bolivien „und mit Abstand zur Heimat“ fiel schließlich auch der Entschluss, Theologie zu studieren. Nach dem Sprachenkolleg in Stuttgart, auf welchem sie das Latinum und Graecum erwarb, begann sie  mit dem Theologiestudium in Halle. „Ostdeutschland hat mich sehr gereizt“, erzählt die Theologin. „Ich hatte von früheren DDR-Besuchen noch die Bilder von Grenzkontrollen, Schlaglöchern und grauen Fassaden im Kopf und war neugierig, wie es sich heute in den neuen Bundesländern lebt.“ Sie fand eine Stadt im Aufbruch vor, die mit hoher Arbeitslosigkeit kämpft und Studierende, die von ihrer säkularisierten Umgebung geprägt sind. Auch diese Erfahrungen möchte sie nicht mehr missen. Neben Vordiplom und Examen in Tübingen studierte die Stiftlerin zwei Jahre im niedersächsischen Göttingen. Mit großer Leidenschaft diskutierte sie die ganze Bandbreite theologischer Themen, ohne die Realität in der Gemeinde aus den Augen zu verlieren.
Die württembergische Landeskirche entsandte Susanne Haag 2003 als Jugenddelegierte zur Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB) ins kanadische Winnipeg. Die Entsendung war eingebettet in ihr jahrelanges Engagement bei der Gestaltung von bundesweiten Treffen des Jugendausschusses des LWB. Themen waren u.a. Globalisierung, Migration, Armut und HIV/Aids.
 
Bei internationalen Begegnungen im Nahen Osten und in Äthiopien und Eritrea drängte sich Susanne Haag die Frage auf: „Warum kommen einzelne Regionen über Jahrzehnte nicht zur Ruhe?“ Einer Antwort kam sie durch ein Masterstudium in Friedens- und Konfliktforschung in Dublin auf die Spur, welches sie nach ihrem 1. Theologischen Examen im Sommer 2006 absolvierte.
 
Auf einer Insel, die geprägt war und ist von einer Geschichte der Gewalt zwischen Protestanten und Katholiken untersuchte sie mit Studierenden aus aller Welt die Ursachen von bewaffneten Konflikten und lernte Strategien zur Befriedung und langfristigen Versöhnungsarbeit kennen. Thema ihrer Masterarbeit schlug wieder den Bogen zur heimischen Situation: Die Pfarrerin untersuchte die Integration von sogenannten  „Gastarbeitern“in die deutsche Gesellschaft.
 
Ihr Vikariat schloss sich ab Herbst 2007 in Loßburg im Dekanat Freudenstadt an.
In einer überaus engagierten Gemeinde lernte Susanne Haag die Gemeindearbeit von der Pike auf. Sie verrät: „Reli- und Konfirmandenarbeit machen mir großen Spaß – schließlich komme ich aus der Jugendarbeit. Manches Erlebnis fließt in die sonntägliche Predigt ein.“
 
Und nun seit dem 1. März 2010 Reutlingen mit dem Asylpfarramt für die nächsten beiden Jahre. Ausländerrechtliche Beratung und finanzielle Unterstützung, zahlreiche Seelsorgegespräche, Unterstützung bei Ämtergängen und Arztbesuchen, die Organisation von Ausflügen für die Flüchtlingskinder und der wöchentlichen Treffen des Asylcafes, sowie politische Lobbyarbeit unter anderem im Rahmen der Save-me-Kampagne  prägen hier das Arbeitsfeld. Dabei kann Susanne Haag auf einen großen Pool Ehrenamtlicher zurückgreifen. Diese zu unterstützen, Impulse zu setzen, Vernetzungen zu schaffen ist ein weiterer wichtiger Bereich in den sie sich zielgerichtet einarbeitet.  

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