Schriftgröße: A- A A+
28.02.2010 15:32

Abschied im Asylpfarramt

 

Über fünf Jahre hinweg hat die Pfarrerin zur Anstellung Ines Fischer die Asylarbeit in Reutlingen an entscheidenden Stellen mitgeprägt. Mit einem Fest in der Citykirche – geprägt von kreativen, emotionalen, musikalischen, überraschenden Elementen – wurde die Asylpfarrerin nun verabschiedet. Nachfolgerin wird Susanne Haag, die ihre Stelle zum 1. März antritt.

 

 

 
„Am liebsten würden wir Ines Fischer ja behalten“, machte Günter Klinger, Geschäftsführer des Diakonieverbandes deutlich, dass der Abschied von der engagierten Pfarrerin schwer fällt. „Man muss die Menschen sehr lieben“, sagte Klinger, „um diese Arbeit tun zu können.“ Und man müsse mit Grenzen umgehen können, den eigenen und äußeren - im Umgang mit Flüchtlingen, die verzweifelt, ohne Hoffnung und oftmals traumatisiert seien. Ines Fischer habe einen wichtigen Beitrag geleistet, „dass diese Menschen Gehör finden und die Welt ein bisschen besser wird“.
 

 
„Nur wer todesmutig ist, kann es nach Europa schaffen“, ging der Diakonie-Geschäftsführer auf die Abschottungsmaßnahmen der Europäischen Union an ihren Außengrenzen ein. Und: „Etwas stimmt nicht, wenn Menschen vor unseren Toren stehen müssen.“ Die Save-me-Kampagne. durch Ines Fischer nach Reutlingen geholt, setze dagegen ein Hoffnungszeichen. Ziel der Kampagne: Deutschland soll - wie andere Staaten auch - regelmäßig schutzbedürftige Flüchtlinge aufnehmen und integrieren. Getragen wird die Initiative von einem breiten Bündnis, das von PRO ASYL über das Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR), Wohlfahrtsverbände, Kirchen bis zu vielen Menschenrechts- und Flüchtlingsorganisationen reicht.
 

 
„Wir haben in den letzten Jahren oft um die Stelle gebangt“, fuhr Klinger fort. Nun sei sie erst einmal für die nächsten zwei Jahre gesichert. Der Geschäftsführer der Diakonie kündigte an, „alles zu tun, damit es weiter geht“.
Nur durch das Engagement der Stelleninhaber, sagte Günter Jung vom Asylcafé, habe die oftmals bedrohte Stelle überlebt – beginnend 1996 mit Paul Bosler, gefolgt von Susanne Büttner, Christoph Kern und seit 2005 Ines Fischer. Die 37-Jährige Theologin habe sich in den vergangenen Jahren an zahlreichen Stellen eingebracht: den Umzug des Asylcafés in die Metzgerstraße begleitet, einen monatlichen Treff für Flüchtlingsfrauen eingeläutet, eine Musikgruppe sowie eine Teestube in der Asylbewerberunterkunft auf den Weg gebracht, Sprachkurse, Veranstaltungen und Gottesdienste organisiert. Save-me sei ein Kind der Pfarrerin, motivierte Menschen in Reutlingen, sich ehrenamtlich zu engagieren. Die Zahl der Ehrenamtlichen stieg auf aktuell dreißig Männer und Frauen an. Als Abschiedsgeschenk gabs vom Asylcafé für eine vollkommen überraschte Asylpfarrerin eine richtige Orgel mit auf dem Weg.
 

 
Mit Save-me sei Besonderes gelungen, bestätigte auch Christoph Zügel, Vertreter der Pfarrerschaft, in seiner Rede: „Die Situation von Flüchtlingen ist für eine breitere Öffentlichkeit deutlicher geworden.“ Ines Fischer habe mit ihrer Arbeit den Blick auf die Kehrseiten der Globalisierung eröffnet. Nicht nur bequem, manchmal sehr deutlich in der Sprache.
 

 
Sehr persönliche Beiträge hatten die Flüchtlinge vorbereitet, die Ines Fischer begleitet hatte. Liljana Gashi, Aische Oktay und Olatunbosun Adekogba verzauberten mit Musik und A-Capella-Gesang die Gäste. Abd Deen Bello sprach für die Reutlinger Flüchtlinge, gab eien sehr persönliche Stellungnahme ab. Die Asylpfarrrin sei zur Freundin geworden - in einem Land, das Flüchtlingen häufig abweisend begegnet, in dem die Angst vor Abschiebung das Leben beherrscht. „Sie hat die Arbeit mit ganzen Herzen gemacht“, meinte Abd Deen Bello.
 

 
Die gute Zusammenarbeit hob auch Birgit Dinzinger vom Diakonischen Werk Württemberg hervor. Mit dem „scharfen Auge der Seele“ habe Ines Fischer kritische Solidarität zu Gesellschaft und Staat in ihrer Arbeit gelebt. Die 37 Jährige, sagte Birgit Dinzinger weiter, „hat einen Perspektivwechsel eingeläutet“, den Fokus auf unbeliebte Wahrheiten gelegt - die Rahmenbedingungen in Frage gestellt, einen Dialog ohne Vorteile und Pauschalisierungen angestossen.
 

 
Wut, Ohnmacht, Erleichterung, Begeisterung, Solidarität. Mit diesen Gefühlen umschrieb Ines Fischer selbst ihren Rückblich auf die Arbeit und Zeit in Reutlingen. Wut: darüber dass Flüchtlinge um einiges schlechter gestellt sind wie jeder Hartz IV-Empfänger, dass Menschen elendig im Mittelmeer ertrinken. Oder ohnmächtig zuschauen zu müssen, wenn jemand in sein Ursprungsland zurück muss, immer im Wissen um die Gefahren die dort drohen. Aber auch Erleichterung, „wenn etwas gelungen ist“ sowie Begeisterung zusammen mit Flüchtlingen und Ehrenamtlichen Projekte gestemmt zu bekommen. Nicht zuletzt das Gefühl von Solidarität, nicht alleine zu sein, Mitstreiter über die Kirche hinaus zu finden – bei Attac, Amnesty International, dem Sozialforum und vielen anderen. 

Aktuelles aus dem Verband

10.06.2010 Kinderarmut
Mit einer eigenen Fachveranstaltung greift das Forum Diakonie im Landkreis Reutlingen das...

29.05.2010 Paten Asylarbeit
Das Asylpfarramt, die SAVE-ME-Kampagne und das Reutlinger Asylcafé suchen Menschen aus Reutlingen...

27.05.2010 Diakonie-Gottesdie...
Unter der Überschrift „Gib mir eine Chance. Menschlichkeit braucht ihre Unterstützung“ laden der...

27.05.2010 Seniorenfreizeiten
Traditionell bietet der Diakonieverband in den drei Kirchenbezirken Reutlingen, Bad Urach und...

25.05.2010 Ehrenamt
Der Diakonieverband bietet Interessierten, die sich ehrenamtlich engagieren möchten, aktuell wieder...

20.04.2010 Asylpfarramt
Sie versteht sich als Anwältin von Flüchtlingen im „politisch-sozialen Sinn“, setzt sich für deren...